Inmitten meiner nachkomatösen Träume sehe ich sein Gesicht vor mir. Sein rundes Gesicht, das Unsicher und Verzweifelt wirkt, ich sehe es in seinen Augen, auch wenn er versucht seine Gefühle hinter einem unbeholfenen Grinsen zu verbergen. Ich soll nicht sabbern wird von mir verlangt, doch ich liege halbwach, bewegungsunfähig und voller Medikamente in diesem Krankenhausbett und kann nicht anders. Ich soll meine Spucke schlucken, sagt eine Stimme durch den Medikamentennebel zu mir. Eine Aufforderung, der ich nicht nachkommen will, weil es mich in diesem Moment furchtbar anekelt. Doch er ist ja da; er grinst, klaut Papiertücher und wischt mir mein Gesabbere aus dem Gesicht. Wieder und wieder. Ist mir vertraut, ist mein Partner in Crime.

Ein paar Monate später. Er sitzt an seinem Schreibtisch, ich daneben und mein Blick fällt auf eine kleine goldene Dose, die ich sehr hübsch finde. Ich öffne sie, in ihr liegt ein kleiner Anhänger, und frage ihn was es damit auf sich hat. Den habe ich gekauft, als du im Koma lagst. Er soll dich beschützen, sagt er und sieht mich mit seinen blauen Augen an, während ich mit der kleinen Hand spiele, die ein Kreuz hält. Wir sind nicht gläubig und ich bin fasziniert, wie sehr er versucht hat, Halt zu finden und die Hoffnung nicht aufzugeben. Ich habe einfach überhaupt keine Ahnung wie sehr es ihn mitgenommen hat. Ich kann nur vermuten, doch im Grunde weiß ich gar nichts.

Dazwischen. Er holt mich ab und wir stecken auf der viel befahrenen Kreuzung um die Ecke fest. Ich weiß nicht wieso wir darüber sprechen, aber unter diesem grauen Himmel, umgeben von viel zu vielen anderen Fahrzeugen sagt er mit seiner für ihn typischen Art zu reden: Weißte Vickie, niemand weiß wann es so weit ist. Es kann immer passieren, jederzeit. Doch wann, das kannste nie wissen.

Und so wussten wir es alle nicht.
Dass er so plötzlich und unverhofft
den Tod starb, den er immer sterben wollte.
Einfach einschlafen.
Für immer.
Nur um viel zu viele Jahre zu früh.

Denn wir hatten doch ganz andere Pläne…
Was ist mit allem was du in der Zukunft noch vor hattest?
Was ist mit allem, wo du in der Zukunft noch dabei sein solltest?

Wer liest jetzt all die Wörter, die Briefe die ich dir schreibe?
Wer freut sich jetzt mit, wenn ich meinen Abschluss mache?
Wer kommt jetzt zu meiner Hochzeit, wenn ich heirate?
Wer meckert jetzt rum, dass ich zu dünn bin?
Und wer passt jetzt auf Muttie auf?

Stell dir dieses Szenario vor:
14. Februar 2013. Dein Vater stirbt.
10. Februar 2014. Dein einziges Kind im künstlichen Koma.
10. Dezember 2014. Dein Ehemann stirbt.
Ist eins davon nicht genug? Wie soll ein Mensch das aushalten?
Wie soll man aus solchen Schicksalsschlägen gestärkt hervor gehen?

Und wieso hat die Natur so etwas großartiges erschaffen; die Welt, dieser winzige Fleck in diesem Universum, diese Erde mit all ihrem Leben, mit all ihren kleinen Organismen; alles in sich schlüssige Systeme, die wie kleine Wunder funktionieren; Wieso entsteht das alles, wenn es so viel zu schnell wieder vergeht? Wozu das mit dem Leben, wenn es doch eh mit dem Tod endet?

Der gehört nun mal dazu, hast du gesagt.

Für mich nicht. Nein, das will ich nicht einsehen.
Nicht jetzt.
Sehnsüchtig warte ich auf den Moment in dem du rein kommst und sagst, dass das einfach nur ein furchtbar schlechter Scherz ist.
Ich sollte wissen, dass du nicht kommst.

Doch das ist die Realität, die ich nie verstehen werde. Nie.

youandme

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