Raum und Zeit sind außer Kraft gesetzt. Und nach den ersten Tagen voller Tränen bin ich als erstes zu meiner Hausärztin gegangen und habe nach psychologischer Unterstützung gefragt. Nach jemandem, der mir hilft. Ich weiß auch nicht genau, was ich eigentlich erwartet habe – insgeheim wohl, dass irgendwer einfach „alles wieder gut“ macht, jemand, der mich aus diesem Albtraum aufweckt, jemand der sagt „Vickie, fahr zum Haus deiner Eltern, setz dich ins Wohnzimmer und warte ab. Irgendwann kommt er durch die Türe rein, und dann ist er ja wieder da.“ Ich saß da, der Tag verging, doch er kam nicht. Stattdessen kam eine Dame vom Bestattungsinstitut, um uns Blumen und Musik zu verkaufen. Und einen Sarg. Wir hatten die Auswahl aus einem dicken Sarg-Katalog. Viele verschiedene Särge: Helles Holz, dunkles Holz, holziges Holz.

Die Person, die da am Tisch saß und sich Särge anguckte, war nicht ich.

Mit dem gelben Überweisungszettel in der Hand stehe ich also bei meiner Ärztin im Treppenhaus und fühle ich mich plötzlich sehr dumm – als ob irgendein Psychologe mir meinen Papa zurück bringen könnte, so ein Blödsinn! Als ob es helfen würde, einer fremden Person alles von diesem schweren Jahr zu erzählen. Als ob…

Psychologische Hilfe gibt es natürlich so schnell nicht, schon gar nicht vor Weihnachten, da haben die Menschlein gefälligst fröhlich oder zumindest im Konsumrausch zu sein. Meine Krankenkasse bietet mir die Möglichkeit einer psychologischen Onlineberatung an. Per E-Mail. Natürlich, wir schreiben das Jahr 2014, ich vergaß. An der Trauerfeier im Krematorium kann man schließlich auch via Skype teilnehmen. Warum also nicht per E-Mail seine Sorgen loswerden? Fick dich, Moderne Kommunikation! 
Die Krankenkasse bemerkte wohl mein Unbehagen gegenüber der E-Mail-Therapie und ermöglichte mir zudem ein Beratungsgespräch mit einem echten Menschen. Eine nette Unbekannte durfte sich also all meine Sorgen aus dem Jahr 2014 anhören, einfach alles. Alles von der Zeit im und nach dem künstlichen Koma, sämtliches aus den letzten sieben Tagen. Alle meine Erfahrungen und Gefühle. „Vickie, Bilder, Emotionen“ oder so ähnlich. Sie sah sehr verschreckt aus und kam zu dem Schluss, dass ich zwar keine Therapie benötige, aber psychologische Unterstützung mir wohl nicht schaden würde. Na welch eine Überraschung!

Kurz darauf klingelt es an meiner Tür. Zwei glaubenstreue Zeugen Jehovas stehen da und erzählen mir, dass der liebe Gott uns alle heilen und trösten, uns den Schmerz nehmen wird. Ich frage mich, ob die beiden auch ein Angebot von meiner Krankenkasse sind und frage sie, warum ihr Gott den Menschen denn überhaupt erst Schmerz zufügt, wenn er sich dann damit beschäftigen muss uns alle zu trösten, das sei doch irgendwie Zeitverschwendung für beide Seiten, erkläre ich. Doch schuld an dem Schmerz sind natürlich wir Menschen selbst, damit hat ihr lieber Gott ja nichts zutun. Ich diskutiere mit den armen Jehova-Jüngern über Darwins Evolutionstheorie (haben wir auch Gott zu verdanken), über das Weltall und über Sinn und Sinnlosigkeit unseres Daseins. Die anfänglich freundlichen Besucher werden patzig, denn was weiß ich Ungläubiges, verheultes Ding schon? Mein Geständnis, das bei mir zuhause keine Bibel rumliegt, reicht für die beiden mich zu verurteilen. Und bevor sie sich mit dem Versprechen bald wieder zu kommen aus dem Staub machen, schenken sie mir schnell noch ein Heft mit vielen bunten Bildern und furchtbar schlecht geschriebenen Texten. „Eine gute Botschaft von Gott“ heisst es und ich bin froh, jetzt wenigstens ein Schrottwichtel-Geschenk zu haben.

Als ich die Tür schließe, muss ich weinen. Ich würde so gern daran glauben, dass mein Vater jetzt in irgendeinem Paradies weiterlebt, wieder mit seinen eigenen Eltern vereint ist oder in einem Himmel zusammen mit Opa Bier trinkt und auf uns herunter guckt.

Doch ich kann das einfach nicht.

super-sad-me

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