Vorweg: Ich mag das Internet, sehr sogar. Ich gucke mir gern Blödsinn bei Facebook an, ich lese viele Blogs & Onlinemagazine, ich liebe Instagram. Das Internet kann ein guter Freund sein. Aber auch dein schlimmster Feind. Der Feind unserer Zeit, sozusagen.

Nehmen wir da zum Beispiel Instagram, diese lustige App mit den quadratischen, bunten Bildchen. Ich liebe Instagram, weil es ein wunderbar-unsinniger Zeitvertreib ist, der von der eigenen schnöden Alltagswelt ablenkt. Jeder kann sich aussuchen, wem er folgt oder was für Bilder er sehen will. Mein Instagram zeigt mir also hübsche Modemädchen, niedliche Tiere, perfekte Wohnungen und ferne Orte, an denen ich natürlich auch gern sein möchte. Und genau da beginnt das Problem, mit dem ich sicher nicht allein bin: Der ständige Vergleich.

Ich glaube, viel von dem was wir digital wahrnehmen, nehmen wir auch mit in unseren Alltag. Das kann tolle Auswirkungen haben: Wir geben uns tatsächlich mal mehr Mühe mit unserem Outfit oder unserem Essen, wir machen mal wieder etwas selbst, anstatt nur Fertiges zu kaufen – wir sind inspiriert und erweitern einfach unseren Horizont, egal ob es sich dabei um neue Reiseziele oder ganz großartige Denkanstöße handelt. Das ist schön.

Und manchmal ist das auch furchtbar deprimierend: In Digitalistan sind alle schöner, kreativer, reicher, cooler. Alle sind toller als ich, die kleine, schrumpelige Kartoffel im überdimensionierten Kartoffelsack. Nein, mir fällt an dieser Stelle kein besserer Vergleich ein.
digitalistan

Ich habe nicht unfassbar viele Klamotten, aber eigentlich mag ich sie gern, weil ich sie mit Bedacht gekauft habe. Dennoch stehe ich an manchen Tagen vor meiner Kleiderstange und bin böse, weil sie eben nicht jeden Tag etwas neues Geiles für mich bereithält. Dabei sind das doch unsere liebsten Kleidungsstücke: Die, die uns überall hin begleiten. Die, die an den Geschichten unseres Lebens teilnehmen. Das ist doch viel schöner, als jeden Tag ein neues Charakterloses Teil vorzuführen. Und trotzdem gerate ich manchmal hinein, in den Depri-Strudel des ständigen Vergleichens.

Dann hasse ich Instagram, obwohl ich weiß, dass mindestens die Hälfte der Inhalte nicht echt ist. Von wegen „mal schnell und locker ein Foto geknipst“ – bei Instagram wird mittlerweile genauso viel inszeniert und Aufwand betrieben, wie bei richtigen Fotostrecken. Große Neuigkeit, ich weiß.
Ich hasse es, weil mich der Vergleich die schönen Dinge in meinem eigenen Leben so schnell vergessen lässt. Zum Beispiel wenn ich Morgens noch ungeschminkt&zottelig, aber dafür wenigstens warm eingekuschelt im Bett liege, mich durch die Neuigkeiten scrolle und unter jedem zweiten Bild steht „Mein neues Tolles Irgendwas, jetzt auf dem Blog“. Die Digital-Maschinerie läuft schon und ich fühle mich schlecht. Schlecht, weil ich noch nicht so fleißig war, irgendetwas zu posten, was die Welt nicht braucht. Und schwupp – ganz plötzlich ist er vergessen: Der eigene Luxus. Dass ich noch im warmen Bett liege und mit meinem Freund kuscheln kann, statt mich mit der Ablichtung des perfekten veganen Frühstücks beschäftigen zu müssen, welches ich vielleicht nicht mal esse, weil ich ja später noch meinen makellosen Körper zeige.

Ich werde frustriert, weil ich kein Geld hab für den ganzen unnötigen Scheiß, egal ob Klamotten, Kosmetik oder Kopfhörer. Ich werde traurig, weil mir die Freiheit (und Überraschung: das Geld) fehlt dahin zu reisen, wohin mich mein Fernweh zieht und weil mein Kopf manchmal einfach Leer und Uninspiriert ist. Weil alle Anderen das perfekte Leben zu führen scheinen. Das perfekte Leben in Digitalistan.

Ich frage mich, wann es eigentlich wichtiger geworden ist etwas darzustellen, als wirklich jemand oder etwas oder irgendwie zu sein?

Denn mittlerweile weiß doch so ziemlich jeder, dass das eben nicht alles echt ist. Dass wir online nur die geschönte Version unseres Lebens präsentieren. Und dass die Mehrheit der Menschen in der analogen Version ihres Lebens Kartoffeln auch nur mit Wasser kocht. In ihren unaufgeräumten Wohnungen. Und in Schlabberklamotten. Weil die bequem sind. Und vielleicht sogar schön. Und individuell. So wie das Leben von jedem von uns. Es ist so Blödsinnig, sich ständig von dieser unnötigen Vergleicherei runterziehen zu lassen! Sich emotional von medialen Erfolgen abhängig zu machen. Sich der eintönigen Masse anzupassen und den gleichen langweiligen Mist zu machen wie alle anderen auch. Das ist schon im echten Leben nicht cool. Und auch im Internet nicht. Alle sprechen immer von Vielfalt, von Individualität – doch am Ende macht die Masse immer das Gleiche bzw. findet das was wirklich ‚Anders‘ ist keine/kaum Beachtung.

Wir sollten bei all dieser unnötigen Vergleicherei einfach mal darüber nachdenken, was wir selbst haben, können und wirklich brauchen. Und letztlich hilft gegen das Lost-in-Digitalistan-Gefühl nur eins: Computer aus und Raus! Dahin, wo das Leben wirklich stattfindet. Schreibt echte Geschichten, erlebt eure eigenen Abenteuer. Dinge, die ihr später euren Kindern erzählen könnt. Erlebnisse, die einander verbinden. Das Leben in Analogistan ist vielleicht nicht perfekt, aber trotzdem verdammt schön!
Foto am 12.02.15 um 00.35 #2-600fade_20-21

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5 Kommentare zu „Lost in Digitalistan

  1. Süßer Beitrag!
    „Ich frage mich, wann es eigentlich wichtiger geworden ist etwas darzustellen, als wirklich jemand oder etwas oder irgendwie zu sein?“ – sehr sehr wichtige Frage – und gleichzeitig leider auch schon eine Antwort!
    Der Zeitgeist von heute gibt uns vor, dass das eigene IMAGE (Bild!!) wichtiger ist, als das Innere… Traurig – aber wir, die wir das erkennen – können anders leben! Und zusammenhalten 🙂 Und nicht so viel sich mit anderen vergleichen – ein Lernprozess :))
    lg
    Esra

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