„Mit Mode kann sich jeder zum Ausdruck bringen. Nicht jeder kann singen, und nicht jeder malt oder tanzt. Aber jeder kleidet sich“, sagte einst der talentierte Modedesigner Damir Doma. Und weil er nicht nur talentiert, sondern auch klug ist, sagte er noch viele andere schlaue Dinge. Doch mein liebstes Zitat ist das eben genannte – eben, weil es wahr ist.

Ich habe nichts zum Anziehen. Und das ist so etwas wie ein Dauerzustand in meinem Leben, und ich wette bei vielen anderen Menschlein auch, egal ob Männlich oder Weiblich, wobei dieser Satz mit sicherster Sicherheit vom weiblichen Geschlecht erfunden wurde. Klar: Den Männern wird es ja (trotz zunehmendem Fokus auf Mens Wear) immer noch recht leicht gemacht: Anzug im Büro, Blaumann bei der Arbeit, Jogging-Hose auf dem Sofa. Und das arme Weibsbild daneben? Sollte bzw. will stets ideal gekleidet sein. Arbeit, Kinder, Haushalt, Cocktail mit den Girls – hunderte Anlässe, die je nach Situation hunderte Kleidungsmöglichkeiten bieten aber auch erfordern. Und dann soll das Outfit nicht nur zu Anlass/Situation passen, sondern auch noch bequem sein, nicht zu lang, nicht zu kurz, eventuell ‚Problemzonen‘ kaschieren, die Vorzeige-Zonen optimieren, den Stil der Trägerin unterstreichen, Fair produziert aber dennoch im Preis erschwinglich sein und im idealsten Idealfall den aktuellen modischen Trends nachkommen. Äh ja. Man sieht: Keine einfache Aufgabe, das Sich-Anziehen.

Der Frühling ist da und trotz neuem Mantel habe ich momentan wie immer nichts zum Anziehen, Herrje! Und das obwohl mein Kleiderschrank einen Ausflug nach Narnia bieten würde; eine Reise ins Klamotten-Nirvana. Ein Berg, bestehend aus textilem Gerampel und Gerümpel, in denen der Schatz erst einmal gefunden werden will. Ganz klar: Aufräumen und Aussortieren kann an dieser Stelle sehr hilfreich sein, doch wer entsorgungsfreudig ist (wie zum Beispiel ich) stellt nach so einer Aktion erstrecht das Unvermeidliche fest: Ich habe nichts zum Anziehen. Wie auch, wenn man alles verschenkt oder verkauft?
Das ist sie, die Problematik des Sich-Kleiden-Wollens, mit dem Zusatz allen oben genannten Faktoren gerecht werden zu wollen. Ich will nicht unbedingt dauernd Neu-Kaufen, da mir erstens das Ausbeuten anderer Menschen für meine Kleidungsstücke missfällt und ich zweitens mein Geld viel lieber in lebenslang anhaltende Dinge investieren möchte; Zur Zeit am liebsten in Reisen. Am Ende zählt schließlich nicht viele Gucci-Taschen du hast – die kannst du eh in kein Grab der Welt mitnehmen – am Ende zählen die Erfahrungen, die du im Leben gemacht hast, die Erinnerungen, die du mitnimmst und für immer behalten wirst. Es gibt eine Vielzahl guter Gründe, warum wir besser nicht dauernd und ständig neue Sachen kaufen sollten. Doch wie geht es dem gewillten Modemädchen beim Auftragen der ‚ollen Lumpen‘ der Vorsaison? Es fühlt sich ’schäbig‘, weil nur die neuen Sachen aufregend und schön sind. Oder zumindest so erscheinen. 
Ich dachte mit diesem unsinnigen Gefühl wäre ich allein, bis neulich ein Modemädchen aus der Modeuni meinen Gedankengang teilte und damit wenigstens für einen Hauch der Erleichterung meinerseits sorgte. Notiz an alle: Ihr habt sicher einen prall gefüllten Kleiderschrank, mit vielen schönen Dingen, die ihr ruhig auch jeden Tag und länger als eine Saison tragen könnt!
Das Paradoxon daran ist doch, dass man eh eine gewisse Anzahl an Lieblingskleidungsstücken, ergo ‚eh immer dasselbe anhat‘. Also: Tragt die Sachen, habt sie lieb, lasst sie an eurem Leben teilhaben, ein Teil des Lebens sein! Welche blöde Industrie hat uns bloß jemals eingebläut, dass nur die Allerneuesten Sachen total toll sind?
kleiderschrank-chaos-kleiderchaos

Vielleicht ist es nicht mal nur ‚die böse Industrie‘, vielleicht ist es ja auch das Ausmaß der Technik und Massenmedien, die wir heutzutage haben und nutzen. Denn diese sind nicht nur Träger und Vermittler von Informationen, die unseren Geist innerhalb von Minuten, gar Sekunden (unendlich) weit reisen lassen können – einerseits ist das ziemlich cool, andererseits werden durch Instagram&Co. auch Welten inszeniert, die mit unserem echten Leben meist kaum etwas Gemeinsam haben und uns (oder vielleicht nur mich?) denken lassen, dass das eigene Hab&Gut ja mächtig öde und schnöde ist. Bei Shopping Queen wird täglich Geld für Textiles verjubelt, Online gibt es #ootd’s im Sekundentakt. Die Massenmedien erschaffen eine Kurzweiligkeit, von der mir ganz schlecht wird. Konsum in rasantester Geschwindigkeit. Wo sind die Zeiten hin, in denen sich Zeit gelassen wurde? Als die Lieblingsschuhe getragen wurden, bis die Sohlen abfielen; als man ein Bild noch länger betrachtet hat, als bis zu dem Moment in dem man sich für oder gegen ein Like entschieden hat?

Ja, Zeiten ändern sich, schon klar.
Stichwort Kurzweiligkeit: Heutzutage sind viele Trends ja schneller wieder ‚Out‘ als sie aufkommen, da ist es fast schon Spannend zu beobachten, was sich wirklich im Mainstream durchsetzt und vor allem die Frage: Warum wird überhaupt stetig von Trends gesprochen, wenn doch eigentlich jeder individuell sein will? Ist es nicht viel nahe liegender für jedes Individuum den eigenen Stil zu finden, den eigenen modischen Ausdruck?
Gehe ich zu weit mit meiner Überlegung, dass viele (Mode-)Menschen sich freiwillig zu Marionetten einer Industrie machen, wenn sie den Trends folgen wollen (dabei in dem Glauben ‚etwas ganz Besonderes‘ zu sein)? – Wie dem auch sei, Überlegung hin oder her – ich habe immer noch nichts zum Anziehen und auch nach Jahren der Überlegung keine Ideal-Lösung gefunden wie ich das trendorientierte Modemädchen mit der Konsum-Verantwortungsbewussten Frau in mir zu Freundinnen mache. 

Die Sache mit der Mode ist letztlich nicht mal die Tatsache, dass ich Nichts zum Anziehen habe, sondern die, dass sie so gut wie jeden betrifft. Jeder kann zum Thema Kleidung&Mode irgendetwas sagen. Dennoch: Mode geht darüber hinaus, sich etwas anzuziehen oder Trends zu beobachten. Mode ist für mich ein so wunderbares Mittel zu flüchten. Weg aus dem tristen Alltag, hinein in eine bunte Welt voller Fantasie. Und Mode spiegelt die Gesellschaft wieder, den Geist der Zeit; Mode lässt Raum, für Kreativität, für Gedanken, für bittere Wahrheiten und für süße Träume.
Das ist mehr als so manche Wissenschaft kann und weil es so schön ist, geht’s jetzt erstmal zum Second Hand Laden 🙂 

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