Als ich wieder auf der Mönckebergstraße stehe, möchte ich schreien.
Und die Schaufenster mit Steinen beschmeißen, die Schaufenster von Zara, H&M und jedem anderen blöden Laden. ‚Einer schlimmer als der Andere‘ denke ich mir, und will den vorbeiziehenden Passanten ihre Einkaufstüten um die Ohren hauen; Ich bin so traurig, ich bin so wütend. Ich will sie einfach alle anschreien, diese ignoranten Konsumopfer… (Und ich bin auch sauer, sauer auf mich selbst, weil ich kein bisschen besser bin.)

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Tim Mitchell

Aus generellem Interesse und im Sinne meiner Abschlussarbeit habe ich heute früh die Ausstellung Fast Fashion im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg besucht.

Eine sehr gute, starke und vor allem emotionale Ausstellung, die keinen Aufklärungspunkt offen lässt. Bewegende Bilder vom Leid, das die Textilindustrie mitsich bringt, Filmausschnitte; von vor Arbeit erschöpften Näherinnen irgendwo am anderen Ende der Welt, Material, davon wie Angora Kaninchen bei lebendigem Leibe das Fell herausgerissen wird, Sequenzen aus einer Doku, die den Pestizid-Einsatz und die anschließend völlig vergifteten Baumwollbauern zeigt…
Obwohl ich all diese Bilder und Dokumentationen bereits kannte ist Fast Fashion eine emotionale Ausstellung, zumindest in meinen Augen. Oder sollte ich eher sagen: In meinem Herzen?

Infografik von Fast Fashion - Nils Reinke-Dieker, Larissa Starke, Friederike Wolf
Infografik von Fast Fashion – Nils Reinke-Dieker, Larissa Starke, Friederike Wolf

Hier ein paar Dinge, die ihr vielleicht schon häufig gehört habt, die man sich aber nie oft genug ins Gewissen rufen kann:

1. Fast Fashion bedeutet Beschleunigung. Für die Globalisierung von modischem Mainstream; für die Produktion und den Handel (möglich sind zwei Wochen vom Entwurf bis zur Auslieferung!); für den Gebrauch und Verschleiß von Kleidung. Die Fast Fashion Industrie besitzt eine denkbar schlechte Umweltbilanz und gehört zu einer der Branchen mit teilweise katastrophalen Arbeitsbedingungen und Löhnen unterhalb des Existenzminimums.

2. Die Fast Fashion Hersteller verlocken ihre KonsumentInnen durch eine gezielt niedrige Preispolitik dazu, mehr Kleidung zu kaufen, als sie eigentlich benötigen. (Anm. von mir: Marketing ist alles!)
Die niedrige Preispolitik und schnellen Produktionszyklen gehen zu Lasten der TextilabeiterInnen am anderen Ende der Produktionskette. Sie müssen in prekären Arbeitsverhältnissen leben und sind daher die wirklichen Modeopfer.

Taslima Akther
Taslima Akther

3. Wenn Kleider die Fabrik verlassen, sind es zunächst Textilien. Erst das Marketing und die Werbung machen aus ihnen Mode.

4. Mode gilt als Konsumverstärker par excellence. In keiner anderen Konsumgüterbranche hängt der Warenumsatz weniger vom Verschleiß als vom modischen Wandel ab. Denn die beständige Vergänglichkeit der Mode gehört zu ihren wesentlichen Eigenschaften.

5.  Anwohner des Tullahan-Fluss (Philippinen) erzählen, dass der Fluss seine Farbe fast jeden Tag mehrfach wechselt – je nachdem wie in der nahegelegenen Textilfabrik gerade gefärbt wird. (Flüsse in Pink und Jeans-Blau. Muss man sich mal vorstellen!) Die Abwässer der Fabrik verunreinigen die Flüsse – Leidtragende ist die bitterarme Bevölkerung, die keinen Zugang mehr zu sauberem Trinkwasser hat. Allein in China haben 320 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Taslima Akther
Taslima Akther


6. Fast Fashion verändert das Kaufverhalten. Im Durchschnitt besitzen die Konsumenten heute vier mal mehr Kleidung als 1980. Der billige Konsum stimuliert den schnellen Wechsel und eine kurze Nutzungszeit: Manche Kleidungsstücke werden im Durchschnitt nur 1,7 Mal getragen und bis zu 20 hängen ungenutzt im Kleiderschrank, bevor sie entsorgt werden.

Das dadurch wiederrum enstehende Problem muss ich jetzt bestimmt nicht erklären…

Tim Mitchell
Tim Mitchell

Zum Glück gibt es zu der Fast Fashion noch die Slow Fashion Ausstellung, die sich mit nachhaltiger und bewusster Mode beschäftigt und mein Gemüt wieder ein kleines bisschen beruhigen konnte. Hier geht es um den Wandel zu mehr Verantwortung und Respekt für Mensch und Umwelt und ein verändertes Bewusstsein gegenüber den Produkten, ihren Ursprüngen und dem persönlichen Konsumverhalten. Es wird was getan!
Aber ich schätze es ähnlich ein wie beim Veganismus; es wird noch eine ganze Weile dauern, bis die breite Gesellschaft sich ihres Handels und der Auswirkungen ihres Konsums bewusst wird und etwas ändert.
Man muss eben verinnerlichen, dass jeder selbst seinen Teil zu einer besseren Welt beitragen kann und auch in Punkto Mode die Nachfrage das Angebot bestimmt.


Beide Ausstellungen kann ich – egal ob Modefreund oder nicht – jedenfalls nur wärmstens empfehlen!
Genau wie das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg! Für 10 Euro Eintritt habe ich in diesem wunderschüben Gebäude nicht nur die Fast & Slow Fashion Ausstellungen besucht, sondern auch noch Designstücke vergangener Jahrzehnte begutachtet, eine Fotografieaustellung, sowie die Ausstellung „Tattoo“.Ach und irgendwo gab’s noch die Bilder von Paul Rippke von der Fußball WM in Brasilien – denen hab ich aber keine Beachtung geschenkt…

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Ein Kommentar zu „Fast Fashion: 6 wirklich Denkbare Punkte

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