Heute vor zwei Jahren passierte etwas, das mein Leben wohl für immer verändert hat.
Verschwommen ist meine Erinnerung.
Ich wachte nachts auf, mit den schlimmsten Kopfschmerzen meines Lebens.
Mein Freund rief einen Notarzt.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich mich übergeben habe, als die zwei Männer kamen oder nicht.
Von Schwangerschaft war die Rede, von Drogen oder schlimmer Migräne.
Ich erinnere mich an den Moment, wie mir einer der beiden die Treppe runterhalf.
Ich weiß weder, was ich mir angezogen habe, noch ob ich überhaupt irgendetwas bei mir hatte. Außer diesen Schmerzen.
Aber selbst an die erinnere ich mich nur noch wage.
Ich erinnere mich an das Blau, in das die Straße vor unserem Haus getaucht war.
Das Licht vom Notarztwagen.
Ich habe bis heute keinen Schimmer, wie es in diesem Gefährt aussah.
Keine Erinnerung daran, wie es sich anfühlt da mitzufahren. Ob ich gesessen habe oder gelegen.
Wie es sich anfühlt mit Sirene und über rote Ampeln zu fahren, durch die Straßen dieser Stadt.
Ich weiß nicht, was im Krankenhaus passierte.
Wie ich mich gefühlt habe, als endlich einer der Ärzte herausfand, dass ich ein geplatztes Hirn-Aneurysma habe.
Ich weiß nicht, ob ich Angst hatte zu sterben. Oder den Mut zu kämpfen.
Ich weiß nicht, ob sie mir gesagt haben, dass es sein kann, dass ich in ein künstliches Koma versetzt werde. Ich weiß nicht wie ich darauf reagiert habe.
Ich war den ganzen Vormittag ansprechbar.

Ich weiß nicht, wie der Schock in den Gesichtern meiner Eltern aussah. Die Sorge im Gesicht meines Freundes.
Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schlimm sie sich gefühlt haben. Wochenlang.

Ich weiß noch ziemlich genau wie meine komatöse Traumwelt aussah.
Die ich für vollkommen real hielt.
Bis alles verschwamm, irgendwo zwischen Realität und Traum.

Ich war erst wieder komplett bei mir, als ich aus dem Krankenhaus entlassen und in eine Reha-Einrichtung nach Brandenburg verfrachtet wurde.
Und ich ließ mir alles Geschehene erzählen. Wieder und wieder und immerwieder.
Unfähig, das was ich geträumt habe mit der Realität in Einklang zu bringen.
Ich las mir die Briefe durch, die mir mein Freund schrieb. Tag für Tag.
Und bis heute kann ich es nicht, ohne zu heulen.

Und bis heute begreife ich selbst nicht, was da eigentlich passiert ist.
Was es aus mir gemacht hat.
Was es noch immer aus mir macht.
2 Jahre.

Manchmal vergesse ich mein Koma.

Wie soll man sich auch an etwas erinnern, was man gar nicht (bewusst) erlebt hat?
Zu surreal das Ganze.
Ich hätte tot sein können.
Zu surreal die Vorstellung.
Genau wie die, dass ich das überstanden habe.
Dass ich immer noch Da bin…
Aber wer weiß – vielleicht träume ich das ja auch alles nur…

Manchmal vergesse ich mein Koma.

Das ist gut, das bedeutet zurück im Leben zu sein, sagt meine Therapeutin.
Nur, was mach ich jetzt mit meinem Leben?

Und was mache ich, wenn Nachts die Angst zu mir ins Bett kriecht?
Wenn ich da im Dunkeln liege und daran denke, dass es hier passiert ist, in meinem Schlafzimmer, genau in diesem Raum.
Und es völlig egal ist, in welchem Raum ich mich befinde, der Raum ist nicht das Problem – mein Gehirn ist das Problem. Ich kann nicht flüchten, vor meinen drei Hirn-Aneurysmata.

Nur, wie lebt man so ein Leben?

Ganz einfach: Man lebt es.
Mit allen Ängsten, allen Freuden. Mit Schmerz und Liebe. Mit Fragen, mit Erinnerungen, mit Vergessen.

Darf ich mein Koma eigentlich vergessen?
Ich weiß es nicht.

Nur, was mach ich jetzt mit meinem Leben?
Ich feiere es.
Ich feiere heute meinen zweiten Geburtstag.

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Ein Kommentar zu „2 Jahre. Und die Frage: Darf man sein Koma eigentlich vergessen?

  1. Da weiß ich nicht, was ich sagen bzw. schreiben soll, außer: Genieße dein Leben – Alles Gute und Liebe im Jetzt und in der Zukunft – und feier deinen heutigen zweiten Geburtstag so, wie man Geburtstage feiert…

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