„Aha, und dann bist du also Modejournalistin oder sowas, hast du auch so einen Modeblog?“, fragt der etwas in die Jahre gekommene Fotograf neben mir, der mich mit der Präsentation seiner unscharfen Fotos (wir sitzen in der Front-Row und selbst meine scheiß Handykamera macht bessere Bilder) während der Show von Designer XY davon abhält, mir Notizen zu machen und ich frage mich, wann jemals festgelegt wurde, dass Modejournalisten einen Modeblog zu führen haben. Hat denn jeder Sportjournalist auch einen Sportblog? Oder macht 7 Mal in der Woche Sport? Ein merkwürdiges Gesetz ist das…

„Hast du ne Karte?“, fragt mich später in der Nacht irgendjemand, den ich nicht kenne und nur weil ich ziemlich besoffen bin, krame ich einen meiner selbstgebastelten Papierrestschnipsel aus meinem Portemonnaie, auf denen neben einem ausgestanzten Anker meine mit Fineliner aufgeschriebene Blogadresse steht. Normalerweise habe ich offiziell keine pseudocool designten Visitenkarten, die ich meistens eh hässlich finde und nachdem ich für meine Selfmade-Papierschnipselkarten einmal so unglaubwürdig angeguckt wurde, als käme ich aus einem anderen Universum, verstecke ich sie lieber und nenne die Magazine, für die ich arbeite. Das interessiert die Leute dann meist nicht weiter, weil das Wissen um Modemagazine schnell bei Vogue und der Brigitte aufhört.  Und mit der Vielzahl an gut gemachten Online-Formaten will man ja schließlich niemandem beim Smalltalk überfordern.
vickie-von-freedrinkshain-visitenkartenJa, ich blogge. Und ich blogge mitunter auch ganz gerne. Aber: Ich bin kein Blogger. Ein Blogger arbeitet meiner Sichtweise nach ziemlich hart an einem Projekt, mit dem nicht jeder erfolgreich, reich und berühmt wird. Ich bin nicht darum bemüht das perfekteste aller Fotos zu schießen. Ich bin nicht gewillt das Internet mit irgendwelchem Content zu füllen, mit dem sich jeder beschäftigt. Ich habe keine Lust irgendwelchen Kram zu verkaufen, nur weil er gerade angesagt ist und erstrecht scheiße ich auf einen cleanen grau-weißen Instagram Account, der mal von einem Hauch Rosa oder Babyblau geziert wird! Mir fehlt der Enthusiasmus dazu, irgendwelche Dinge säuberlich geordnet auf einen möglichst hellen Hintergund zu legen. Und
 nicht notwendig zu erwähnen, dass mich Klick- und Followerzahlen herzlich wenig berühren. Bei Gesprächen a la „Also von meinen 20K Followern haben nur 600 mein Bild geliked, ich fühle mich heute soo furchtbar…“ nehme ich sofort reißaus, denn man kann sich bei aller Liebe zu Social Media doch bestens über andere unnütze oder oberflächliche Dinge unterhalten! 



Ich blogge. Weil es mir Spaß macht, weil ich manchmal den Drang habe, der mysteriösen Außenwelt im Internet meinen unnötigen Gedankensenf dazu zu geben. Und weil man mitunter zu diesen lustigen Blogger Events eingeladen wird. 

Regelmäßig bedanken sich Blogger über diese tollen Veranstaltungen, zu denen ich in erster Linie gehe, weil es da Gratis was zu Futtern und Alkohol gibt und obendrein noch eine Tüte Geschenke, die ich meist gar nicht brauche, aber mit denen man seinen Freundinnen immer spontan eine kleine Freude machen kann. Der O-Ton ist dann immer: „Ach Danke, so ein herrliches Event, da konnte ich so viele tolle neue Bekanntschaften schließen und mich endlich mal mit anderen Bloggern austauschen.“ –  Dass ich sozial eher inkompatibel bin weiß ich, vielleicht bin ich einfach nicht zum „Networken“ geboren. Doch wenn ich mich mit Bloggern austauschen will, kann ich das zum Einen auch über deren Blogs tun und zum Anderen stelle ich mir bei solchen Sätzen immer wieder die Frage: Warum trefft Ihr euch nicht einfach? Wieso muss Euch da erst einer ein Event organisieren? Klar gibt es dann keine Goodie-Bags, aber man lernt sich bei einem Kaffee um die Ecke sicher viel authentischer kennen. 

Das führt dann vielleicht zu echten, liebsamen Bloggerfreundschaften. Aber Bloggerfreundschaften sind so ein Ding für sich.
Auch ich habe Freundinnen, die bloggen. Und ich bewundere ihren Ehrgeiz, ihren Eifer und ihre Leidenschaft. Aber das allgemeine Problem mit vielen Bloggerfreundschaften ist und bleibt der Konkurrenzkampf. Jeder will es schaffen. Jeder kämpft. Jeder bloggt. Und nicht jeder wird damit erfolgreich. Und wenn jemand Erfolg hat, muss immer noch mehr drin sein. Versace wirft dir Klamotten hinterher und du darfst im 7 Sterne Hotel in Marrakesch nächtigen? Nicht genug. Es muss doch noch mehr drin sein!
Jeder denkt an sich, an SEINE Follower, an SEINE Fotos, an SEINE Posts. Sagt das nicht schon einiges aus? Verstärkt ging gerade zur Fashion Week das Thema um, dass sich einige Blogger zu zweit ganz anders miteinander verhalten als in Gruppen. Da will jeder Aufmerksamkeit und ein Stück vom großen Kuchen, von dem die Geschmacksrichtung nicht mal ganz bekannt ist. Plötzlich verändern sich diese vermeintlichen Freundschaften, einfach aufgrund der Egomanie. Statt sich also für Bloggerkollegen- und/oder Freunde zu freuen, kommt Neid auf. 
Weil die Bloggerfreundin mit ihrem hübschen Gesicht 200 Follower mehr bekommt, während man selbst zerknittert im Bett liegt und auch das Foto vom perfekten Müsli den Tag nicht mehr retten kann. Weil die coole Bloggerfreundin plötzlich lieber mit jemanden abhängt und Fotos schießt, der noch mehr Follower und somit mehr ‚Nutzen‘ mitsich bringt. Genügsamkeit ist ja sowas von Gestern.
Komische Freundschaften sind das und ich bin froh, dass ein Großteil meiner Freunde fernab der Modebranche sein Geld verdient. Und die, die ebenfalls was mit Mode machen, für die freue ich mich. Egal ob es eine bestandene Masterarbeit in Bekleidungstechnik ist, eine super Blogkooperation oder der endlich ergatterte Traumjob bei einem coolen Label. Ich bin dann immer stolz und bekomme auch ein kleines Stück von der Erfolgstorte ab: Nämlich den Antrieb auch weiter zu machen, egal womit und egal wofür es gut sein wird. Manchmal macht man Scheiß-Erfahrungen, aber man lernt. Und das ist es, was Mode für mich bedeutet und ausmacht: Man hört sein Leben lang nicht auf zu lernen. 



Ich blogge. Aber ich bin auch Journalistin. Ich schreibe für andere Magazine. Ich helfe als Assistentin Stylisten oder übernehme Stylings komplett alleine. Manchmal wandel ich noch auf den Pfaden meiner Schneiderlehre und setze mich an meine leicht-angestaubte Nähmaschine. Die Regelung nur noch einen Jobtitel mit sich rum zu tragen, gilt ja längst nicht mehr. In unseren Zeiten werden die Grenzen immer fließender und ein bisschen Schreibtalent kann das Bloggen genauso gut unterstützen, wie die Fähigkeit gute Fotos zu machen. „Irgendwann musst du einfach von allem etwas können„, sagte schon ein Dozent zu Beginn meines Studiums zu mir. Man kann also nicht mehr nur Blogger sein, man muss sich auch -egal als was- selbst vermarkten können. Und man sollte obendrein auch noch irgendwie alles andere sein. Und das ist schrecklich, denn wer ist denn schon schön und talentiert und alles andere gleichzeitg? Und doch ist es auch irgendwie schön, denn es öffnet uns für neue Dinge, erweitert unsere eigenen Horizonte und stärkt (vielleicht verborgene) Fähigkeiten. Wer will da schon ’nur‘ Blogger sein?

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2 Kommentare zu „Ich bin kein Blogger.

  1. Schon lange habe ich keinen Artikel mehr so gerne gelesen 🙂 Du Schreibtalent! Ich kann all das ganz genau nachfühlen was du geschrieben hast!
    Freu mich wenn wir uns mal wieder sehen! Xx Sarah

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