31.10.2016. Es ist Montagmorgen in der Schleuse, ein gelber Quadratmeter ohne Fenster vor der Röhre und auf die Bitte mich metallfrei zu machen habe ich einen legendär unerotischen Striptease hingelegt und mich brav entkleidet. Alles was ich anhatte war sowieso ohne Metall, denn leider weiß ich wie das hier läuft. Also sitze ich halb nackt in diesem Quadratmeter-Räumchen, umwickelt von meinem Handtuch, das ich mitbringen sollte, versteck mich darin, weil mir kalt ist und plötzlich ist alles wieder da.

Erinnerungen, von denen ich mich nur langsam lösen konnte, Gefühle, längst irgendwohin, ganz weit weg geschoben, Verwirrung, Schmerz und die letzten Fragmente verschwommen wirkender Situationen, von denen mir bis heute unklar ist, ob sie Traum oder Realität waren. Plötzlich ist das alles wieder da, stürzt über mir herein und ich bin einfach komplett allein, mit all den Erlebnissen, die nur ich so erfahren habe, wie ich sie erfahren habe. Doofe Gefühle, hätten ja auch mal ganz gepflegt draußen im Wartebereich bleiben können.
Die Schwester steht in der Tür, etwas hilflos versucht sie mir ihre Röhre zu verkaufen; Weich und bequem sei die, und sogar mit einen Durchmesser von 70 cm, nebenan im Krankenhaus haben sie ja nur 60 und überhaupt: So ein zierliches Persönchen wie ich bräuchte da drin doch gar keine Angst haben.

beta%cc%88ubungsmittel-mrt 
Ich sehe sie fest an. Also so fest entschlossen wie man als verheultes Häufchen Angst eben jemanden ansehen kann, den man gar nicht kennt.
Nachdem das mit dem Beruhigungsmittelchen geklärt ist, darf ich mich auf der vermeintlich bequemen Liege in der vermeintlich riesigen Röhre betten. Ich bekomme ein Kissen unter die Beine und die Aufforderung eine Faust zu ballen. Ich weiß, dass sie mir jetzt ihre olle Flexüle in die Armbeuge stecken wollen und dass ich am besten genau jetzt gehen sollte.
Doch meine Beine zittern viel zu stark um aufzustehen und wegzurennen und sowieso wollte ich noch den Tapferkeitspreis des Tages abräumen. Flucht also ausgeschlossen. Ich bleibe liegen, erwürge Pauli, meinen tapferen kleinen Begleiter und wundere mich, wie sie überhaupt meine Vene treffen können, so doll wie ich da vor mich hin zapple. Die Schwester versucht mich zu beruhigen, das ist doch alles nicht so schlimm behauptet sie, während die Ärztin da fröhlich mit ihren riesigen Nadeln vor meiner Nase rumhantiert.
schlimm-schlimm-schlimm
Ich sage ihnen dass ich keinen Bock habe, dass ich es hasse, dass sie zwar nett sind und ihren Job echt gut machen, aber dass ich partout keine Freude bei allem hier empfinde. Und vergesse nicht zu erwähnen, wie sehr ich diese periphere Venenverweilkanüle hasse. Normalerweise kommen Ärzte oder Schwestern an dieser Stelle dann mit dem „Jetzt-haben-Sie-sich-mal-nicht-so-sie-sind-doch-tätowiert“-Argument, doch die beiden sagen nichts dazu.
Sie kommen mir ja gar nicht mit dem „Sie-sind-doch-tätowiert“-Argument stöhne ich, während sich die Nadel in meine linke Armbeuge bohrt. Die Ärztin grinst und sagt „Nö wieso. Das Eine will man, das Andere muss man.“ Damit hat sie sich meine Sympathie gesichert, obwohl sie mir gerade diese doofe Flexüle in den Arm gesteckt hat.

vickie-im-mrt-2

Das Eine muss man und ich muss jetzt rein, in die verdammte Röhre. Gut verpackt mit Ohropax und Kopfhörern drüber bin ich die ganze Zeit wach und warte darauf, dass das Wegschädel-Medikament wirkt. Ich nehme keine Drogen, aber gegen kleine Trips unter ärztlicher Aufsicht hatte ich noch nie etwas einzuwenden. Legendär meine Nach-der-Narkose-Party nach einer Nieren OP, aber das ist eine andere Geschichte. Ich bekomme alles mit, kann mich nicht wie empfohlen entspannen und doch ist mir mein Zustand angenehm egal. Ich lieg hier einfach bis es vorbei ist. Und irgendwann ist es vorbei. Irgendetwas Gutes haben sie mir also doch gegeben.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s