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In meinem zweiten Leben werde ich heute drei Jahre alt. Falls das jetzt verwirrend klingt: Heute vor drei Jahren wachte ich mit sehr schlimmen Kopfschmerzen auf, kam ins Krankenhaus und verbrachte dort aufgrund einer durch ein ruptiertes Gehirn-Aneurysma hervorgerufenen Gehirnblutung, knapp einen Monat im künstlichen Koma. Das ist die kurze Version der Geschichte. Dürfte ja auch irgendwie klar sein, dass in dieser Erfahrung viel mehr drin steckt – und zwar nicht nur für mich, sondern auch für alle Personen die mich während dieses Lebensabschnitts begleitet haben.

Nun ja. Um es mal mit den Worten meiner Therapeutin auszudrücken, würde ich sagen, dass ich in den vergangenen drei Jahren „wieder gut ins Leben gefunden habe“ (jaja, diese Therapeuten…) Aber die Dame hat Recht. Es gibt Tage, da denke ich kaum noch daran, was passiert ist. Ich fröhne schlechten Gewohnheiten, mache mir Sorgen um so etwas Unwichtiges wie Geld, rege mich manchmal über unnötige Dinge auf oder versinke in Grübelei. Ich lache, ich weine, ich singe und ich tanze, ich suche meinen Platz in der Welt. Ich mache also alles, was der Mensch eben so macht, wenn er lebt.

Ihr kennt das sicher, denn falls ihr das hier lesen könnt habe ich eine super Nachricht: Ihr lebt! Und das ist so ziemlich das Beste was uns allen passieren kann – auch wenn diese Sache mit dem Leben oft nicht so leicht ist. Das kenne ich auch.
Aber auch wenn es nicht immer leicht ist, bin ich in erster Linie froh und glücklich darüber noch da zu sein. Darüber, dass ich so unglaublich viel Glück hatte und dass alles so gut ausgegangen ist – das ist für mich keine Selbstverständlichkeit, denn ich weiß, dass es Koma-Patienten gibt, deren Leben nach dem künstlichen Schlaf ganz anders aussieht.

Dennoch ist das, was passiert ist nicht spurlos an mir vorbei gegangen und ich habe die Zeit der vergangenen drei Jahre gebraucht um zu realisieren, was es dieses ‚Ereignis‘ mit mir gemacht hat.
Erst in den vergangenen Monaten sind mir die Ausmaße, die Spuren, die das Ganze hitnerlassen hat, erst deutlich bewusst geworden. Als ich eine Panikattake in einer U-Bahn bekam. Weil ich große Betonmassen über mir nicht mehr ertrage. Weil ich es nicht mehr aushalten kann, irgendwo ‚eingeschlossen‘ zu sein. Weil mir selbst harmlose Untersuchungen im Kontroll MRT mittlerweile große Probleme bereiten. Und dieses Panikgefühl unter der Erde (ich fahre recht häufig U-Bahn, meide aber mittlerweile jegliche Form von Unterführungen) gehört mit zu meinen größten Sorgen seitdem.

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Manchmal liege ich mitten in der Nacht wach in meinem Bett, starre in die Dunkelheit und denke, dass ich den nächsten Morgen nicht erleben werde. Ein furchtbar beklemmendes Gefühl. Meist will ich dann am Liebsten nicht schlafen. Aber kein Schlaf ist nicht gut für’s Gehirn. Ein Teufelskreis.

Denn wenn ich nicht schlafe, sind die ‚Symptome‘ umso schlimmer.

Zum Glück ist das bisher aber nicht eingetroffen, also bin ich jeden Morgen aus tiefstem Herzen glücklich darüber, dass ich wach, hier und am Leben bin.
Und dann passiert irgendein Mist: Drama bei der Arbeit aufgrund eines falsch-gesetzten Links, eine Steuernachzahlung, die mich um mein ganzes Erspartes bringt oder einfach Menschen, die mich wegen irgendetwas völlig Banalem dumm anmachen.
In fiesen Situationen frage ich mich immer wieder: Und für diesen Scheiß habe ich das überlebt???

Ich leide an verstärkten Selbstzweifeln. Da die Blutung kurz hinter meinem linken Auge war, habe ich seitdem das Gefühl, dass es manchmal irgendwo anders hin wandert und sich unsymmetrisch zum rechten Auge verhält. Besonders auf Fotos fällt mir das immer auf und dann passiert, was eigentlich nicht passieren sollte: Ich fühle mich hässlich. Und wenn ich mal wieder zu wenig geschlafen habe, verschlechtert sich auch meine Fähigkeit des Sehens. Meine Augen sind mir in jeglicher Funktion wichtig und wenn sie nicht machen wozu sie gedacht sind – tja, dann sinkt leider das gute alte Selbstwertgefühl. Tschüssi Selbstbewusstsein!

Und ich leide unter der fehlenden Erinnerung. Alles hört zu dem Zeitpunkt auf, an dem ich das Blaulicht des Rettungsdienstes vor meiner Haustür sah. Mal davon abgesehen, dass ich nicht weiß, wie der Notarztwagen von innen aussah oder welches Muster mein Krankenhauskleidchen hatte, quält es mich fürchterlich, dass ich einen halben Tag lang ansprechbar war und mich an Nichts erinnern kann. Nicht an den Moment, als man mir sagte, was ich habe. Nicht an das Gefühl, wie es war, als mir gesagt wurde, dass ich eine Gehirnblutung habe, die operiert werden muss. Dass etwas schief gehen kann. Ich weiß einfach nicht, wie ich mich dabei gefühlt habe. Und das beschäftigt mich sehr.

Außerdem ist Dunkelheit zu einem Problem geworden. Ich habe keine Angst im Dunkeln, aber mehr denn je wird mir in der Abenddämmerung oder beim Blick an den Nachthimmel bewusst, wie winzig klein wir Menschen sind. Und wie extrem kurz die Zeit unserer Existenz in diesem Universum. Auch da grüßt die Beklemmung.

Das wahrlich gemeinste Gefühl ist jedoch das Schuldgefühl gegenüber meinen lieben Mitmenschen, die mich durch diese Zeit begleitet und in jeglicher Form unterstützt haben. Auch wenn ich weiß, dass mich keine Schuld trifft: Ich hätte nie gewollt, dass irgendjemand wegen mir psychisch völlig fertig ist. Ich weiß nicht wie es ist, wochenlang am Bett eines geliebten Menschen zu sitzen und nicht zu wissen was passiert. Wenn man nicht miteinander reden kann. Keine Reaktion auf Kontakt kommt. Ich weiß nicht wie es ist, jemanden zu sehen, den man eigentlich nur lachend und lebendig kennt und man diese Person plötzlich unbeweglich und voll verkabelt mit allerlei Schläuchen im Körper sieht.

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Es tut sehr weh und vieles lässt sich nicht einfach so abstellen. Aber das künstliche Koma hat auch positive Spuren hinterlassen. Zum Beispiel den Mut gewisse Dinge zu wagen, ganz bewusst Entscheidungen zu treffen. Für mich, für das Leben. Ich habe mich für das Leben entschieden, ich habe gekämpft und gewonnen. Und deswegen mache ich heute, an meinem dritten zweiten Geburtstag das, was man macht: Ich feiere das Leben! Mein Leben. Happy Birthday To Me.

PS: Und weil ich heute ja 3 werde, besuche ich mit meiner Mama das Spreewelten-Bad. Dort kann man mit Pinguinen schwimmen (also die schwimmen in ihrem eigenen Becken) aber ich freu mich mehr auf diesen Ausflug als ein dreijähriges Kind. Hihihihi!

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3 Kommentare zu „Spuren, die das Koma hinterlässt.

  1. Liebe Vickie, ich wünsche Dir von Herzen alles Liebe und einen ‚Happy New Birthday‘! Du hast es selbst gesagt, das Leben jeden Tag zu genießen ist genau das Richtige!
    ❤ Kathy

  2. Ich muss sagen, als ich eben deinen Blog entdeckt habe, habe ich nicht direkt solche Geschichten erwartet. Auf der einen Seite bedrückend, auf der anderen Seite auch sehr beeindruckend und hoffnungsvoll. Alles gute für immer. Grüße

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