Es ist Montag, gleiche Zeit, gleicher Ort, wir sitzen da, einander gegenüber. Ich weiß nicht wohin ich gucken soll und spiele wie immer mit dem Zopfgummi an meinem Handgelenk. 
Sie erklärt irgendwas, was ich wie so häufig nicht recht verstehen mag und verloren in der Überlegung, wie sich so viel geistiger Input in eine kleine Stunde packen lässt, sagt sie ganz Beiläufig so etwas wie „Bravo, Sie hängen kaum noch an Ihren suizidalen Gedanken.“ Unsicher, ob sie da gerade Glückwunsch oder Bravo gesagt hat – schrecke ich erst bei suizidal aus meiner Gedankenwirbelei hoch und nehme wieder mit Interesse an dieser Unterhaltung teil. Suizidale Gedanken. Aha.

Sie grinst vorsichtig, so als wäre sie ein bisschen stolz und vielleicht gibt sie sich gerade ein innerliches High Five dafür, dass sie ihren Job richtig gemacht hat. Moment, Moment!  Suizid? Ich bin verwirrt. Und empört! Ich hatte niemals vor, einen Selbstmord zu begehen. Schon gar nicht jetzt, wo mich das Leben von einem schrägen Erlebnis zum nächsten taumeln lässt und meine kleine Welt mehr denn je auf den Kopf stellt.
Nachdem ich mich also kurz empört habe, rudert sie ein wenig zurück. ‚Das ist doch nur das Zeichen dafür, dass Sie dem Leben wieder näher kommen, weil Sie zuvor immer zu sehr auf der Seite des Todes rumhingen‘, erklärt sie. ‚Der Tod ist eben ein netter Homie, auf den ist Verlass. Bei dem einen früher, bei dem anderen später, auf jeden Fall treffen wir ihn alle irgendwann und er bleibt für immer‘, gebe ich zurück. Sie guckt mich entgeistert an und starrt dann aus dem Fenster.

Ist es denn so verwerflich, sich über den Tod Gedanken zu machen? Was ist so schlimm daran, sich damit auseinander zu setzen, dass das eigene Sein auch mal enden wird? Dass Alles irgendwann endet? 



suicide-is-over-2

Schon in der Grundschule bekam ich Ärger, weil ich nicht wie alle anderen Kinder brav ein Gedicht über bunte Blumen schrieb, sondern über Rosen an einem Grab (sind doch auch Blumen!) und das Todesthema beschäftigte mich von der Kindheit, über das künstliche Koma hinweg bis zu meiner Abschlussarbeit in der Uni.

Wer keine Angst vor dem Tod hat, lebt nicht richtig, zitiert meine Therapeutin fleißig eines dieser pseudo-klugen Sprichwörter. Ich hatte nie Angst vor dem Tod. Nur keine Lust darauf, tot zu sein. Aber vielleicht ist etwas Wahres dran, dass meine intensive Beschäftigung mit dieser Form der Endgültigkeit mich tatsächlich mehr vom Leben abgehalten hat, als ich bisher dachte. Oh je.

Mein Leben ist gerade fernab von perfekt: Ich habe weder Job, noch Geld, noch sind alle Wunden verheilt, die mir die Vergangenheit zugefügt hat. Mein Kopf ist voll und gleichzeitig leer, aber ich bin mit so vielen Dingen beschäftigt, dass ich tatsächlich kaum noch dazu komme, mich in der ewigen Grübelei über das Ende meiner Existenz zu verlieren. Ich atme und denke und fühle. Vor allem dieses Fühlen ist eine der schwierigsten Aufgaben. Aber ich übe: Ich lasse zu, was schön sein kann. Ich wehre mich gegen das, was mir nicht gut tut. Ich finde mich selber mutig. Noch nicht schön oder stolz, aber mutig. Ich wachse. Stück für Stück. Und das fühlt sich irgendwie ganz gut an.

whatever-tomorrow-brings

Klar, es gibt neben den wachsenden Positiv-Momenten auch noch viel negtiven Bullshit, der mich immer wieder auf den harten Boden der Realität zurück wirft, aber zumindest befinde ich mich gerade in einer ziemlich intensiven Zeit. Sie ist Erkenntnis- und Lehrreich, aufregend, turbolent, manchmal laut, manchmal ganz ruhig und erstaunlich faszinierend. Ich habe mir schon so oft vorgenommen, ‚jetzt einfach mal zu leben‘, aber meist klemmte ich in den ewig gleichen Mustern fest, planlos von all den Möglichkeiten und Gegebenheiten und dieser Vielzahl an kleinen Dingen, die so ein Leben so richtig lebenswert machen. Statt alles in und von meinem Kopf bestimmen zu lassen, werde ich immer besser darin, die leise Stimme meines Herzens zu erhören (Okay, jetzt klingt es ziemlich esoterisch, sorry!) und mich auf dieses leichte Herzklopfen einzulassen.

Ich hab‘ nämlich keine Lust mehr mich wie Gemüse zu fühlen – ich will erleben, erfahren, Momente sammeln, Bilder an die Wände meines Herzens kleben und einfach alles aufsaugen, was mir begegnet. Meine Therapeutin hat also ein bisschen Recht: Ich habe das Gefühl zur Zeit ziemlich lebendig zu sein. Mein Abstand zum Sterben hat sich vergrößert.

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9 Kommentare zu „SUICIDE IS OVER

  1. Nach langen Jahren des vergeblichen ‚Herumgrübelns‘ über den Sinn des Lebens habe ich eine Liste mit Dingen begonnen, die mit Sicherheit NICHT zum Sinn des Lebens gehören.

    Auf Platz 2 meiner Liste steht die Angst.

    1. Auch wenn mein Beitrag eigentlich gar nicht der Frage nach dem „Sinn des Lebens“ zugewandt ist, finde ich deine Liste eine tolle Idee! 🙂 Glaube, es gibt mehr als ‚einen‘ Sinn und für jeden ist das etwas anderes. Nur verzweifel ich dadurch an der Frage nach dem Sinn der Existenz der Menschheit… Eine Frage, die sich wohl eher beantworten lässt: Was steht denn auf Platz 1 deiner Liste? Verrätst du es? 🙂 Viele Liebe Grüße ❤

      1. Klar verrate ich Dir Platz 1 meiner Liste, liebe Vickie: die Trauer. Vor einem Monat starb mein Vater und sicher gibt es eine Zeit für Trauer, aber zum Sinn des Lebens gehört sie für mich ganz sicher nicht.

        Generell glaube ich auch, daß der Begriff ‚Sinn‘ sehr schwierig zu fassen ist. Bedeutet das ‚Nutzen‘ oder ‚Ziel‘ oder was sonst? Das muss, wie Du schriebst, wohl jeder selbst entscheiden.
        ❤ ❤ Kathy

      2. Ach Kathy, das tut mir so leid für dich! Mein Papa ist auch viel zu früh und völlig unerwartet gegangen und das Thema Trauer ist eines der Schwierigsten, mit denen sich der Mensch befassen muss. 😦 Ich zum Beispiel glaub seit fast drei Jahren, dass mit mir etwas gewaltigt nicht stimmt, weil ich die Trauer nicht so lebe, wie von der Gesellschaft gelehrt (habe zum Beispiel kaum geweint & frag mich immer noch ob das noch irgendwann kommt) aber man darf nicht vergessen: Jeder Mensch ist anders, egal in was! Nur du hast Recht: So etwas schmerzliches sollte eigentlich nicht Sinn des Lebens sein. Trauer als Teil des Lebens hingegen macht schon ein bisschen Sinn, denn nur so lässt sich ja auch alles positive als positiv erleben und erfahren (auch wenn das jetzt wohl ziemlich nach Poesie-Albumspruch klingt). Ich wünsche dir ganz viel Kraft und schicke dir ein bisschen Liebe, vielleicht hilft dir ja auch der Gedanke, mit deinem Verlust nicht allein zu sein! ❤

      3. Danke Vickie, Du hat so recht, allein sein (vor allem mit seinen Gedanken) ist übel.
        Was mir große Probleme bereitet ist, daß mir irgendwie das Vertrauen in den Alltag abhanden gekommen ist. Wenn Menschen von jetzt auf gleich aus Deinem Leben verschwinden, dann fragst Du Dich, wozu Du am nächsten Tag überhaupt noch aufstehen sollst.
        Aber ‚man muss ja‘, das ist die Begründung, sich zusammen zu reissen und wieder an die Arbeit zu gehen. Mit anderen Worten: man soll es verdrängen, nicht mehr dran denken. Verdrängen konnte ich leider noch nie gut. Vielleicht kann man das ja lernen…
        ❤ Kathy

      4. Liebe Kathy, NEIN! Bitte tu alles aber NICHT Verdrängen!!! Ich beschreib das mal von der anderen Seite, bin nämlich ausgesprochen gut darin, Dinge zu verdrängen, weit weit von mir zu schieben und alles mögliche nicht an mich heran zu lassen. Weiß auch nicht wann und wie und wo ich das gelernt hab, aber wie gesagt, ich bin sehr gut darin und ich glaube Verdrängung macht viele Dinge einfach. Aber im Endeffekt ist es das Schädlichste, was du dir selbst und deinem Leben antun kannst! Ich habe über die Jahre hinweg völlig den Bezug zu mir und meinen Gefühlen verloren und es ist verdammt harte Arbeit da wieder hin- und ranzukommen! Denn überleg dir mal, wie lebenswert ein Leben ohne Emotionen ist… Das hat dann eigentlich nicht mehr viel mit „Leben“ zu tun. Ja, das Leben schmerzt viel zu häufig, aber es ist auch voller kleiner Momente von Freude und egal was du fühlst, das alles gehört dazu, zu diesem Leben, zu dir als lebendigem Wesen und als Menschen. Es gibt keinen Grund nichts zu fühlen, auch wenn man manchmal an Punkte kommt, an denen man wirklich gerne einfach mal nichts fühlen möchte, dennoch ist es eines der größten Geschenke. Also bewahre dir das!

        Falls du dich allein fühlst, kannst du mir auch jederzeit gerne eine Mail schreiben, muss nicht sinnvoll sein, schreib dir einfach von der Seele was dich gerade aufwühlt, das hilft manchmal schon ganz gut! 🙂 vickievonfreedrinkshain@gmail.com

        Und ps: Menschen die die Dinge lieber verdrängen, sind meist schwächer als die, die sich mit den unangenehmen Situationen im Leben auseinandersetzten, nur mal so am Rande.

      5. Da hast Du natürlich total recht, Vickie, alles zu verdrängen, ist übel. Geht bei mir eigentlich auch gar nicht, denn in jeder Ecke unserer Wohnung ist irgendwas, was mein Vater gerichtet oder repariert hat (er war ein Allround-Bastler).
        Es ist nur so surreal, mir fallen immer wieder Dinge ein, die ihn fragen will, aber da ist niemand mehr…

        Ich hab‘ deine Mailadresse notiert, besser löschst Du sie aus dem Beitrag, wegen Spam usw. Danke für das liebe Angebot!
        ❤ Kathy

  2. ‚Der Tod ist eben ein netter Homie, auf den ist Verlass. Bei dem einen früher, bei dem anderen später, auf jeden Fall treffen wir ihn alle irgendwann und er bleibt für immer‘, – BÄÄÄHHHHHMMM!!!
    Das hat gesessen und es stimmt! Aber es stimmt auch: das Leben will leben, es macht sich nicht ständig Gedanken über den Tod, und das scheint normal und natürlich zu sein. Allerdings, das Thema Tod komplett zu verdrängen, wie ganz viele das tun – ist sicher auch übertrieben, denn er gehört zum Leben dazu (unverständlicherweise, aber so ist es).

    Bei mir gehts gerade auch drunter und drüber, meine Fresse !! 😂

    lg
    Esra

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