Mfg, die Belanglosigkeit.

Eben saß ich in der Bahn und habe mich beim Lesen von Sebastian Lehmanns Buch Kein Elch. Nirgends kringelig gelacht. 


Traurige Gesichter starrten mich entsetzt an und promt folgte eine Bahndurchsage: „Beep, Beep, Victoria, was fällt dir ein zu lachen? Du hast gar nix zu lachen, also raus hier!“ Gackernd verlasse ich das öffentliche Gefährt – wenn man nicht lachen darf, wird es ja immer nur noch schlimmer- eine Station zu früh und laufe über die Elsenbrücke nach Hause. Dabei lache ich laut dem Wind in sein Gesicht, den stört meine Kringeligkeit nämlich nicht.


Hach ja: Sad Sad is everywhere. Lachen ist verboten, wir sind schließlich alle deprimiert. Die Menschlein quälen sich durch ihr gottverdammtes Leben, basteln sich Online-Identitäten aus perfekten Welten, ertrinken und versinken im schönen Schein und knallen sich im echten Leben irgendetwas Betäubendes rein (unbewusster Reim an dieser Stelle), weil sie -wie ich- alle nicht so richtig klar kommen, auf ihr Dasein.


Sechzehnuhrvier: Zuhause angekommen, schlurft meine Mitbewohnerin verschlafen aus ihrem Zimmerchen, ihre Wäsche hat sie heute Früh in Form eines großen Kleiderknäuels auf unserem Wohnzimmertisch platziert, ihn seitdem keines Blickes mehr gewürdigt und verständnislos glotzend fragt sie mich „Was lachst du so?“. Na toll, die auch noch, denke ich mir und wir beschäftigen uns mit Kaffeetrinken.

Statt meine unter dem Wäscheknäuelberg verloren gegangenen Unterlagen zu sortieren und wichtige Papiere dem Finanzamt zu schicken, hocke ich seit Wochen in der Küche, kippe mir einen Kaffe nach dem nächsten hinter, zwischendrin mal ein Gösser oder Pfeffi, je nachdem was der Geldbeutel eben gerade so hergibt und frage mich, was mir all die klugen Wesen raten würden, die sich ebenfalls schon mit Sinn und Unsinn unserer Existenz auseinander gesetzt haben. Vielleicht sollte ich Freud oder Bukowski mal auf einen Kaffee einladen, für Bukowski bin ich auch gewillt, das lebenserhaltende Heißgetränk mit einem Schuss Pfeffi zu verfeinern. Da die Anwesenheit beider zu einem Kaffeekränzchen jedoch eine unrealistische Angelegenheit ist, tröste ich mich mit dem Gedanken, dass in Berlin doch eh alle arbeitslos, verzweifelt und ohne Geld sind und ein durchaus hilfreiches Gemeinschaftsgefühl keimt in mir auf.

as-long-as-the-music-is-loud

Da sich zumindest meine Mitbewohnerin mit einem schnöden Supermarktjob glücklich schätzen darf, muss sie leider die Wohnung verlassen und ich kann mir den Tag hübsch alleine vertrödeln. Den Nachmittag verbringe ich also damit, dass ich laut Musik hörend, die Nachbarn mit meinem schiefen Gesang (oder eher Geschrei) belästige und hunderte von Sätzen in meinen Computer tippe, die dann am Ende des Monats immer noch keinen sinnvollen Text ergeben. In der Hoffnung, dass er sich von alleine füllt, starre ich den leeren Kühlschrank an und füttere meinen ebenfalls leeren Magen mit der Hoffnung, dass aus mir eines Tages noch eine erfolgreiche, zufriedene Person wird, deren sinnlose Texte gelesen und gemocht werden. Oder einfach nur bezahlt, das würde mir unter Umständen natürlich auch schon reichen, die Belanglosigkeit lehrt einen schließlich Bescheidenheit.

Siebzehnuhrsieben: 

Traurig lassen meine Pflanzen ihre Blätter hängen und auch die teuer neu-erworbene Zitronengurke (von dem Geld hätte ich mir dreieinhalb Gössi kaufen können) auf dem Balkon konnte ich nicht vor ihrem Tod durch windbedingtes Abknicken bewahren. Ich sollte eine Trauerfeier organisieren, stattdessen gieße ich die Blumen mit kaltem Kaffee und checke meine Mails. Mein Postfach ist voll mit Urlaubs- und Shopping Sonderangeboten, doch ich lese immer und immer wieder die gleiche Mail „Vielen Dank. Wir haben Ihre Bewerbung erhalten und werden uns in Kürze bei Ihnen melden. Bis dahin haben sie eine gute Zeit.“ Danke, ich hätte sicher eine gute Zeit, wenn ich in all meinem Life-Schlamassel wenigstens Geld hätte. Randnotiz: Liebes Finanzamt, frag bitte die Fahrschule nach meinem Geld, die hat es nämlich. 



Ich überlege einen Ratgeber zu schreiben, wie man sich möglichst sinnfrei aber dafür mit Genuss das Leben vertrödelt. Stattdessen schwelge ich in Erinnerungen: Bibibibibibibibibibibiiiieb, machte ich unaufhörlich, als ich am Montagabend von drei Afri-Cola völlig aufgedreht, unter dem hell leuchtenden Vollmond auf der Oranienstraße in Kreuzberg rumsprang,  er mir einen Kuss auf die Stirn gab und „Du brauchst wirklich einen Job“ sagte, bevor wir nach Hause hüpften. Ich krame in meinem Kopf und finde keine Erinnerung an die Zeit, in der ich noch locker 12 Stunden meines Tages im Sinne der Arbeit verbrachte und glücklicher war, als an diesem Abend.

Siebzehnuhrsiebenundzwanzig: Auf meinem Telefon finde ich einen verpassten Anruf und des Zeitvertreibs wegens, rufe ich zurück. „Hallo, es grüßt und herzt Sie die zentrale Rufnummer der Belanglosigkeit, Willkommen in ihrem sinnlosen Leben. Wir wollten Ihnen nur mitteilen, dass Sie als Modejournalistin völlig überflüssig sind und das Weltkommitee für unnütze Konsumgüter lieber Blogger und Instagramstars für das Bewerben dämlicher Produkte bezahlt. Übrigens: Ihre Existenz ist vollkommen unnötig, Sie kriegen ja eh nichts gebacken, schönen Tag noch!“ 


Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s