Nach einer rasanten und (natürlich) stressigen Weihnachtszeit mit viel Arbeit und Umzugsvorbereitungen sind Hasi und ich jetzt seit vier Tagen im schönen London. Wir wohnen in feinster Lage direkt am Regents Park, unsere Wohnung ist schön, voller Bücher (die ich alle so gerne lesen möchte) und wirklich merkwürdigen Stehrümchen und zumindest ich fühle mich gut. Also so generell. Denn gleichzeitig fühle ich mich auch irre merkwürdig: Zum einen ist hier alles so vertraut und fühlt sich so heimisch an, zum anderen bin ich noch sehr unruhig, weil ich die ganze Zeit denke, dass „der Urlaub“ in ein paar Tagen vorbei ist und wir dann wieder nach Hause müssen. Alles was ich seit meinem 13. Lebensjahr wollte, war es in Großbritannien zu leben und nun bin ich hier und kann dies noch nicht so ganz als Ist-Zustand annehmen. Das ist so richtig schräg. Aber vielleicht nur eine Sache der Gewöhnung, das wird sich zeigen. Und wahrscheinlich jammere ich schneller darüber nach Berlin zurück zu müssen, als mir lieb ist. Herrjeh!

Während Hasi nun seine Tage in Bibliotheken verbringt und auf Konferenzen hockt und irgendwas Wichtiges macht, bin ich schon entlang der Themse und durch die gesamte Innenstadt spaziert, war von den vielen niedlichen Vögeln und Eichhörnchen in den Parks verzückt, habe ein bisschen britischen Smalltalk mit fremden Menschen betrieben, die royalen Pelikane entdeckt und mir natürlich den Bauch mit allerlei ungesunden Leckereien vollgeschlagen. Schön ist das, in so einer lebendigen und großen Stadt zu sein, in der das Klima nicht nur wettertechnisch – sondern auch menschlich – mild und freundlich ist! Und auch das Sein an sich könnte sich auch zu einer angenehmen Lebensweise entwickeln – wären da nicht die Anderen


Denn wenn es eine Frage gibt, die ich momentan wirklich nicht ertragen kann, lautet sie: Vickie, was machst du da in London? Darauf habe ich keine wirkliche Antwort. Ich mache nichts. Stimmt nicht! Ich laufe, weit, weit umher. Ich gehe verloren, ich suche und wer weiß: Vielleicht finde ich ja sogar. Vielleicht auch nicht.
Nachdem ich in den letzten drei Monaten wie verrückt gearbeitet habe, um mir die wenigen Wochen hier leisten zu können, könnte ich ganz ruhig sagen, ich entspann mich ein bisschen und genieße das Leben. Aber irgendwie geht das nicht. Denn selbst wenn ich soweit bin das zu sagen, weiß ich, dass diese Aussage immer wieder auf Unverständnis beim Gegenüber stoßen wird. Schließlich kann und darf Mensch ja nicht Nichts machen! Wo kommen wir da bloß hin, in unserer dauerproduktiven Leistungsgesellschaft?


Und während ich gerade so meine Freude daran finde, über den schrägsten Schwachsinn zu grübeln und zu philosophieren, während ich wieder lerne, mich auf all die wunderbaren und schönen Dinge einzulassen, die mich umgeben, während ich Lust habe so viele Bücher und englische Gedichte wie möglich zu lesen, während ich anfange, den Enthusiasmus zu entwickeln eine Runde in unserem Park joggen zu gehen (ich war noch nie joggen, haha), während ich beginne, meine Freude am bloßen Dasein, am Leben zu haben und mir sogar vorstellen kann, freiwillig und unbezahlt bei einer Hilfsorganisation zu arbeiten, um ein bisschen was Gutes zu dieser Welt beizutragen, fühle ich mich ganz schlecht, weil ich auf die ungeliebte Frage nicht mit Ich mache hier einen superkrassen Job, mit dem ich reich und berühmt werde antworten kann. Wirklich, ich fühle mich richtig schlecht, weil ich dieses Unverständnis der Anderen förmlich spüren kann! Es geht doch schließlich nicht, dass man nicht arbeitet, es geht doch nicht, dass man einfach in einem Park sitzt und niedliche Tiere anguckt, es geht doch nicht, dass man nichts für seinen Lebenslauf tut. So habe ich früher auch immer gedacht und vielleicht mache ich das jetzt auch immer noch mehr als mir lieb ist. Aber: Doch, das geht!

Und mal ganz ehrlich: Natürlich ist es leicht für eine bestimmte Sache, zum Beispiel die Arbeit zu leben. Wenn der Chef ruft, weiß man was zu tun ist und wo man zu sein hat – das ist super simpel und erfordert kein großes Nachdenken. Viel komplizierter wird es dann schon, wenn man sich vom Grunde seines Herzens auf fragen muss: Was würde ich tun, wenn ich frei wäre? Frei von finanziellem Druck, frei von gesellschaftlichen Erwartungen, frei von den Erwartungen meines Gewissens? Womit fülle ich meinen Tag? Bleibe ich drinnen? Gehe ich raus? Trinke ich Kaffee oder Tee? Lese ich ein Buch? Verteile ich mein geliebtes Caramel Shortbread an Obdachlose? Gehe ich die Welt retten? Oder doch lieber Netflix & Chill? Mache ich alles? Oder nichts?
Ja, Mensch müsste sich entscheiden und das ist wahrscheinlich viel leichter gedacht, als getan! Oder was würdest du tun, wenn du mit deinem Leben wirklich machen könntest, was DU willst?
Ich habe lange gebraucht, um mich von all den wahnwitzigen Vorstellungen darüber, wie ein ‚perfektes, tolles, vorzeigbares‘ Leben auszusehen hat zu lösen und dann macht der ein oder andere dumme Kommentar dies alles wieder zunichte. Ich ärgere mich ein bisschen über mich selbst, aber meine Reaktion zeigt mir nur, dass ich einfach noch auf dem Weg bin und das ist genauso okay, wie die Vertrödelei der eigenen Lebenszeit mit einem guten Buch. Oder Netflix. Oder niedlichen Tieren. Solange du mit dem was du tust niemandem schadest, gibt es doch keinen Grund zur Nörgelei. Und vielleicht sollten einfach mal die Pfade, auf denen man im Leben so dahinwandelt, als Ziel gesehen werden! Und überhaupt: Was bringt schon ein Vorzeigeleben, wenn es nicht mit echten Gefühlen und menschlichen Momenten gefüllt ist?
Gestern habe ich fast geweint, weil einem der königlichen Pelikane ein Flügel fehlt. Kurz darauf habe ich mit einem Müllmann im Park über die coole Musik in seinem Auto gequatscht. Wie sehr seine Augen in dem Moment vor Freude geleuchtet haben, werde ich sicher in keinen Lebenslauf der Welt schreiben können. Aber im Gegensatz zu den immer gleichen Arbeitstagen, bei denen man schon nach ein paar Stunden vergessen hat, was man da eigentlich tut, werde ich diese Momente noch eine ganze Weile im Kopf und im Herzen haben. Und vor allem: London hat so viele dieser kleinen, unscheinbaren aber doch aufregenden und intensiven Momente, da kommt noch einiges, da bin ich mir sicher.

Und falls jetzt immer noch irgendjemand wissen will, was ich in London mache: Ich schreibe online Texte für eine Geschichtswebsite, genieße das Leben in einer wunderschönen Großstadt und lerne, die Angst vor dem Freisein zu überwinden. Zwischendurch sauge ich diese Stadt auf wie ein Schwamm und ernähre mich ungesund. That’s it und es ist wunderbar! ❤

 

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Ein Kommentar zu „Life Update 1/18: The fear of freedom

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