Dieser Blog ist tot, aber ich bin es (noch) nicht!

Ich bin schon oft gestorben. Aber so real und nah dran wie am 4. Januar dieses Jahres war ich höchstens 2014, als mein erstes Hirn-Aneurysma platzte und eine Subarachnoidalblutung verursachte. Die Geschichte, die jetzt folgt, ist lang. Und sie dauert bis heute an.

Seit neun Monaten versuche ich diesen Beitrag zu schreiben und es ist mir bisher nicht gelungen mein 2019 irgendwie in Worte zu fassen. Es gab so einige Versuche, die ich immer wieder nach den ersten Sätzen abbrach, da ich weinen musste und das Herumkramen in all den schrecklichen Erinnerungen mich mit voller Härte traf. Und auch heute, zum Jahresende, ist es nicht wirklich leichter. Manches braucht seine Zeit, anderes vermutlich eine Ewigkeit.

4. Januar 2019: Es ist wieder passiert. 

Ihr kennt das ja: Neues Jahr, neues Glück und so probierte ich mich über den Jahreswechsel 18/19 eifrig an Ideen, Plänen und Gedanken zur gegenwärtigen Zukunft, zu diesem Jahr. Ich wollte zurück nach London, wollte alleine Reisen, ich wollte weniger Internet und mehr vom Leben, ich wollte feierlich diesen Blog „beerdigen“, da es mir sehr unlogisch erscheint, heutzutage noch zu bloggen – in einer Welt, in der zwei Zeilen unter einem Bild auf Instagram schon als „Post“ gelten und gefühlt kaum noch jemand mehr als diese zwei Zeilen liest.
Ich hatte mir bereits Gedanken über einen Text gemacht, der sich mit den letzten fünf Jahren meines Lebens nach der ersten Gehirnblutung auseinander setzen sollte. Erzählungen anderer Menschen zufolge gilt ein Patient nach fünf Jahren ohne ähnliches Ereignis als rehabilitiert. Das wollte ich schon fast feiern, doch da kam es ganz  unerwartet und anders als meine Pläne es jemals vorgesehen hätten.

Mein zweites Aneurysma ruptierte.

Der vernichtende Kopfschmerz kam am 4. Januar so plötzlich wie heftig und in diesem Moment war ich in erster Linie eines: Verwirrt. Ich legte mich kurz aufs Bett, aber der Kopfschmerz verging nicht. Dazu kam das Gefühl, dass mir die eine Hälfte meines Gesichts herunter hing. Ich wurde immer langsamer, unglaublich langsam war ich, als ich zum Handy griff, die 110 wählte und mein Problem erst einmal der Polizei statt der Feuerwehr erklärte. Als ich mitbekam, dass ich mich verwählt hatte, entschuldigte ich mich, legte peinlich berührt und schnell auf und rief die andere Nummer mit 11irgendwas an. Die notwendige Hilfe kam schnell, das bisschen Zeit reichte gerade so um mich anzuziehen, ein paar Sachen in einen Rucksack zu stopfen und mich von meinen Wellensittichen Piepsie und Klaus zu verabschieden. Der Moment war furchtbar schwer für mich, aber da standen schon die Rettungssanitäter in meinem Flur. Wir gingen los und da ich mich 2014 an Nichts erinnern konnte, wollte ich so viel wie nur möglich mitbekommen. Ich weiß jetzt wie ein Krankenwagen von innen aussieht: Groß, eckig und klapprig. Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlt, mit Blaulicht durch die Straßen Berlins zu düsen: Es ist weniger cool als Mensch sich das vorstellt, vor allem wenn es einem schlecht geht und man gerade seinen Lieblings-Pulli vollkotzt. Das besorgte Gesicht des Rettungssanitäters habe ich immer noch vor mir. Eine CT im Krankenhaus sorgt dann für Gewissheit: erneute Blutungen. Mit dieser Gewissheit verschwindet dann auch meine Erinnerung an den weiteren Verlauf des Tages.

Ich starte 2019 mit zwei Wochen im künstlichen Koma

Irgendwann Mitte/Ende Januar: Ich wache auf, bin schlapp und erledigt und Teil eines Experiments. Vor mir befindet sich ein riesiger Bildschirm an einer Wand. Es läuft irgendein Wintersport und man macht Tests, um mit Patienten im Koma zu kommunizieren. Auf ein bestimmtes Schlüsselwort passend zu einem bestimmten Bild soll ich reagieren. Ich weiß was abgeht, ich bin im Krankenhaus und scheinbar lag ich schon wieder im Koma. An meinem Finger hängt etwas rot Leuchtendes und sieht irgendwie ulkig aus, mein Bauch ist voller Metallklammern. Nachdem ich in Gedanken lautstark „Ich bin hier, hier bin ich, hallo ich bin da!“ gerufen habe, falle ich erschöpft zurück in den Schlaf.

Ich wache auf und bin in einem runden Raum, in einem Krankenhaus im Harz. Die Nähe meiner Mama neben mir ist deutlich spürbar und fühlt sich ganz geborgen an. Langsam werden es mehr und mehr Leute in meinem Umfeld. Meine Freunde sind da und erzählen mir Sachen. Ich bin wahnsinnig interessiert, aber vermutlich sieht das keiner. Außerdem sind ständig Ärzte, Schwestern, Doktoren um mich rum. Und mein Freund. Er und meine Mama sind oft da und ich frage mich, wie sie das machen, jeden Tag mehrere Stunden in den Harz fahren, um mich zu besuchen. Mir wird ein Datum gesagt, es ist Ende Januar und schneller als ich wirklich richtig wach bin, geht mir die ganze Situation sehr auf die Nerven. Ich möchte gehen, ich will meine Ruhe und ich will nicht, dass an mir rumgewerkelt wird. Viele Menschen sehen mich nackt und ich möchte das nicht, kann mich aber nicht äußern. In meinem Kopf rede ich die ganze Zeit mit allen, mir fehlt jedoch meine Stimme um mich mitzuteilen. Allerdings checke ich das selbst nicht.

Die Würde des Menschen ist unantastbar? Im Krankenhaus ist diese Würde nichts wert

Ich habe Durst und Hunger, ich übergebe mich wahnsinnig oft. Ich werde aus dem Schlaf gerissen und gewaschen, nervige Musik aus einem Radiosender läuft, ich hasse das Bild an der Wand, weil es gemein ist und mich böse anguckt, einfach alles ist zu viel und gegen meinen Willen. Ich werde aus dem Bett in einen speziellen und furchtbar unbequemen Stuhl gesetzt, von dem ich aus dem Fenster gucken kann. Das Krankenhaus im Harz sieht genauso aus wie das Unfallkrankenhaus in Berlin. Ich bekomme mit, dass ich im UKB bin. Schon wieder. Och nee. Ich will gehen, rechne mir im Kopf die schnellste S-Bahn Verbindung nach Hause aus. Ich will keine Schläuche, ich will das Gefühl des Fäden-Ziehens nicht, ich will diese Tortur nicht. Zu diesem Zeitpunkt gibt es keine schönen Momente, ich will weg und schreibe Jakob, dass er mich bitte aus diesem Horror-Haus abholen soll.

Habe ich eine Wahl?

An einem Tag landet der Hubschrauber gefühlt alle zwei Minuten auf dem Dach der Intensivstation. Bei jeder Erschütterung muss ich kotzen. Ein Arzt kommt und sediert mich. Er teilt es mir vorab mit, aber ich bin total weggeknallt und kann das weder meiner Mama, noch meiner Oma, die zu Besuch sind, verständlich machen. Seit kurzem habe ich allerdings einen Verbündeten: Nennen wir ihn mal Monsieur Antonius. Er ist Physiotherapeut und war einer der wirklich Coolen meiner früheren Schule. Wie lustig, dass der jetzt hier im Krankenhaus arbeitet. Er redet viel mit mir und ich quassel voll begeistert mit. Natürlich nur in meinen Gedanken, keine Ahnung was er in diesem Moment von unserer Kommunikation hält. Ich finde es ziemlich ermunternd zu erfahren, wer aus der Schule schon wie viele Kinder hat und in welchem Reihenhaus wohnt. Ich wohne auch sehr schön, aber das interessiert hier im Krankenhaus niemanden.

Es ist alles nur in meinem Kopf

Mama und Oma verstehen nicht, was ich ihnen sagen will. Ich begreife in dem Moment leider nicht, dass ich nur in meinem Kopf mit allen rede, zum Sprechen fehlt mir noch die Stimme. Ich bin sehr traurig, dass es keinen kümmert, wie schlecht es mir hier gerade geht. Zum Glück ist da die wohlige Wirkung des Dimenhydrinat, einem Mittel gegen Übelkeit und Erbrechen und zugleich Beruhigungsmittel. Das Medikament legt sich um einen wie eine weiche warme Decke und der Brechreiz verschwindet. Ich bekomme oft und viel davon und entwickle eine gewisse Abhängigkeit. Auch nach Mundwasser werde ich gierig. Es ist so ein schöner Geschmack nach all diesem faden Nichts. Allerdings hätte ich lieber Wasser, Tee und Brühe, aber da die Logopädie mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht mit Sprech- und Schlucktraining gequält hat, gibt es für mich nichts.

Nach einem besonders schlimmen Morgen, an dem gleich drei Leute an mir alles Mögliche gemacht haben und ich die ganze Situation kaum noch aushalten kann, werde ich urplötzlich verlegt. Mein Bett rollt mit mir durch die Krankenhausgänge. Ich sehe Licht und fremde Menschen. Kein Besuch ist gekommen, niemand da, der mir meinen Schmerz abnimmt. Ich will Jakob eine Nachricht schicken, finde aber mein Handy nicht. Ich werde unruhig und panisch, meine Bewegungsfähigkeit reicht kaum aus, um es zu suchen. Generell sind alle meine persönlichen Sachen gefühlt irgendwo in diesem Krankenhaus verteilt, das verstärkt meine Unruhe. Ich habe neuerdings ein Radio, kann mich jedoch nicht daran erinnern, eins eingepackt zu haben.

Die erste Nacht auf der Normalstation endet in einer durchgehenden Panikattacke, von der scheinbar niemand etwas mitbekommt. Jakob war die ganze Nacht bei mir und hat immer wenn etwas passiert ist, die Pflegekräfte gerufen. Dass er da war, weiß ich. Dass er und die Pflege sich die ganze Zeit um mich gekümmert haben, habe ich in meinem Delirium jedoch nicht mitbekommen. Auch nicht, dass ich nachts offenbar sehr lang die Wand angestarrt habe. Das Gefühl, dass ich diese Hölle im Krankenhaus völlig allein durchstehen musste, wird mir auch Monate später immer wieder zum emotionalen Verhängnis. In meiner Panik ziehe ich mir in der Nacht selbst die Magensonde raus. Ich kotze. Am nächsten Morgen kommt eine Schwester ins Zimmer und steckt sie wieder rein. Ich habe noch nie etwas Entwürdigenderes erlebt.

Von der Intensiv- auf die Normalstation: Es ist zum Kotzen

Ich bewohne zunächst ein kleines Zimmer mit angenehm frischer Luft und beginne kurz nach der Verlegung, mir die Seele aus dem Leib zu kotzen. Ich muss nicht mal großartig Würgen – was auch immer aus mir raus kommt, kommt sehr schnell und in einem Schwall.  Zumindest steht ein Paket Kuchen auf dem Nachttisch neben mir, endlich etwas zu essen. Ich zeige drauf und will es haben. Die anwesende Schwester lacht und fragt freundlich ob ich eines der Feuchttücher möchte. Feuchttücher mit Kuchen-Aroma – ich kann es kaum glauben und bin bitter enttäuscht, weil ich so großen Hunger habe. Falls jemand wissen will, wie es mir mit der zweiten Gehirnblutung erging: Ich hatte Hunger, viel viel Hunger und Durst und ich habe innerhalb von zwei Wochen mehr gekotzt als in den vorangegangenen 30 Jahren. Und Spaß hatte ich auch nicht.

Plötzlich kommt Jakob und ist über meine Verlegung, über die ihn die Intensivstation informiert hat, genauso überrascht wie ich. Ich freue mich riesig ihn zu sehen und mein Gekotze nimmt seinen Lauf. Die armen Schwestern. Immer wenn sie gerade das Bett frisch bezogen haben, kotze ich es wieder voll. Jedes Mal wenn das Bettzeug gewechselt wird, zittere und klappere und friere ich in dem Krankenhauskleidchen vor mich hin. Da gibt es schon kein Essen und dann wird einem auch noch die Decke weggezogen, das mag ich schon im gesunden Zustand nicht. Schwester K. macht mir Mut. Gut gelaunt stellt sie sich und ihre Kolleginnen vor und sagt: „Wir spucken nicht, wir kratzen nicht, wir beißen nicht!“ und grinst dabei ganz lieb, während sie mir mit einem duftenden Feuchttuch zum hundertsten Mal an diesem Tag das Gesicht wischt. Sie ist es auch, die ganz schnell mitbekommt, dass ich nur noch grüne Galle kotze und daraufhin bekomme ich irgendetwas, das hilft, vermutlich Vomex. Am meisten beruhigt mich, dass Jakob da ist. Er hat bestimmt großen Spaß dabei, mich die ganze Zeit kotzen zu sehen. Wir gucken ein bisschen RTL Trash und als später am Abend eine Schwester kommt und das Dschungelcamp auf dem Bildschirm laufen sieht, sagt sie uns lachend: „Die sind alle verlaust, guckt euch das nicht an!“ Nett hier.
Im Anschluss gucken wir noch einen Animationsfilm, in dem es um Essen geht. Mein Magen ist so leer, ich würde alles für etwas zu Essen geben. Jakob hat auch Hunger. Er geht in die Cafeteria und kauft sich was. Tee klaut er uns nicht, obwohl ich ihm extra eine Nachricht (mein Handy ist wieder aufgetaucht) und ein unschönes Selfie schicke. Ich verstehe die ganze Zeit nicht, warum ich so miserabel aussehe. Irgendwann wird auch für mich klar:

Mir fehlt der halbe Kopf. 

hässlicher-helm Nach der Blutung war der Druck in meinem Kopf so hoch, dass mir ein Stück des Schädeldachs entfernt werden musste. Mir wird erklärt, dass ich fortan mit diesem offenen Schädel und einem Helm zum Schutz dessen zu leben habe. Ich werde angewiesen den wirklich furchtbar hässlichen Helm aufzusetzen, sobald ich das Bett verlasse. Monsieur Antonius begleitet mich kurz darauf bei meinen ersten Schritten, die Magensonde baumelt vor sich hin, während ich zum ersten Mal vorsichtig durch mein Krankenzimmer tapse.
Auch das mit dem Sprechen und dem Essen geht endlich voran. Ich muss unter Aufsicht püriertes Zeug essen (eigentlich will ich es lieber jemanden ins Gesicht spucken, weil ich püriertes Zeug schlichtweg abartig finde), einen ekelhaften Fresubin-Shake hinunter würgen und mit Wackelpudding vorführen, dass ich Schlucken kann. Die Prüfungen im Dschungelcamp sind nichts dagegen.

Ich bin wach, wieder da, ich könnte gehen,

in irgendeine blöde Reha-Einrichtung abgeschoben werden, aber das hier ist eine beschissene Geschichte und aus zwei Wochen im künstlichen Koma werden letztlich 68 Tage Krankenhaus-Aufenthalt. Eine Schwester entdeckt Eiter an meiner Kopfwunde, die hat sich so doll entzündet, dass Anfang Februar nochmal operiert wird. Ich verbringe die Nacht auf der Intensivstation und es ist eine der schlimmsten. Ich hatte verlangt, dass man mir während der OP die Magensonde zieht, aber dem Wunsch kam niemand nach. Stattdessen habe ich einen Zugang im Arm und neben mir steht ein Tropf mit fünf Beuteln flüssiger Antibiotika Lösung gegen die Entzündung und einen fiesen Krankenhauskeim. Jeder, der mich sehen will, muss sich in einem lustigen Kittel verkleiden. Alle, die mich besuchen sehen sehr schick aus mit ihren Kitteln und Häubchen. Knutschen ist dank Mundschutz auch nicht drin, genau genommen ist das Krankenhaus im Falle eines Keims echt eine von Spaß und Zuneigung befreite Zone. Die Pflegekräfte, die sich um mich kümmern sind toll, Schwester K. zieht mir ein paar Tage nach der OP auch professionell die verhasste Magensonde. Es ist das schlimmste Gefühl, das ich je kennengelernt habe, wenn so ein kleiner Plastikbeutel und ein Schlauch den langen Weg vom Magen durch die Nase zurück antreten. Aber ich bin das verhasste Ding endlich los. Der Besuch von meinen Freunden und Verwandten ist auch schön, aber ich träume am meisten davon, einfach nur von Jakob in den Arm genommen zu werden. Die Antibiose-Therapie dauert fünf Wochen an. Fünf Wochen, in denen meine Venen kaum noch Platz für neue Kanülen lassen, fünf Wochen, in denen ich 40 Kilo wiege, aufgrund der enormen Geschmacksveränderung so gut wie gar nichts mehr essen kann und in denen ich mir täglich anhören darf, dass ich zu dünn bin und schleunigst zunehmen muss. Nachts lässt mich mein leerer Magen nicht schlafen und ärgert mich mit einem stechenden Schmerz. Für gewöhnlich gehe ich nie hungrig ins Bett und das ist ein riesen Luxus.

Es sind fünf Wochen, die mir alles abverlangen und in denen ich mich wirklich mehr als einmal frage, warum mir an diesem Ort das Leben gerettet wurde, ich aber nicht leben darf. Ich möchte es beenden, aber es gibt keine reale Möglichkeit.

Ich sehe die ganze Zeit genauso scheiße aus wie ich mich fühle. Ich bin isoliert, gefangen, ich darf nicht mal die Station alleine verlassen und mein Geist verkümmert in Anbetracht der sterilen lieblosen paar Quadratmeter um mich herum. Ich vermisse mein Zuhause, ich vermisse meine Pflanzen, Piepsie und Klaus und vor allem die Freiheit. Instagram wird mein Fenster zur Außenwelt und ist bis heute mein vorrangiges Kommunikationsmittel geblieben, um Teile dieser Geschichte zu erzählen, die wahrscheinlich Jahre braucht, um ihr Ende zu finden. Es tut mir leid, wenn sich dadurch die ein oder andere Person belästigt fühlt, aber dieses Jahr ist und war schlichtweg einfach viel. Denn mit den ersten 68 Tagen Quälerei im Krankenhaus endete es noch nicht.

Die letzten zehn Tage war ich psychisch am Ende all meiner Kräfte, ich konnte mir nicht mal mehr vorstellen, dass ich dieses Gebäude jemals lebendig verlassen würde. Irgendwann frage ich aus lauter Langweile eine der Schwestern, ob ich ihr bei der Arbeit helfen könnte. Das Personal macht Witze darüber, ob ich meinen Wohnsitz schon umgemeldet habe und die Ärzte werden recht schweigsam wenn es um meine lange Anwesenheit geht. Ich belese mich über die rechtliche Lage, ob die mich überhaupt gefangen halten dürfen, überlege heimlich Patienten-Partys zu schmeißen und bei der Chefarztvisite alle anzuschreien. Doch nach 68 Tagen werde ich endlich entlassen.

Nur weil man aus einem Krankenhaus entlassen wird, ist nicht automatisch alles wieder gut.

Ich, mein kaputter Kopf, der Helm und zwei offene Wunden kommen nach Hause. Ich bin schwach, aber glücklich. Dennoch muss ich in den folgenden Wochen ich eine schwere Entscheidung treffen. Nämlich die, mein drittes Aneurysma, das sich zwischen den Hirnhälften befindet, vorsorglich verschließen zu lassen, bevor es auch noch auf die Idee kommt, Ärger zu machen. Und das fehlende Stück Schädeldecke muss repariert werden, ich will schließlich nicht für immer mit dem hässlichen Helm herumlaufen. Der Original-Knochen ist nach der langen Zeit nicht mehr nutzbar, dafür bekomme ich ein  CAD Implantat. Der Eingriff ist riskant und die Entscheidung dafür, das dritte Aneurysma vorsorglich clippen zu lassen, treffe nicht ich. Mein Lebenswille ist irgendwo verloren gegangen, ich wäre feige und würde lieber mein Sterben in Kauf nehmen, als das Risiko dieser krassen OP. Ich würde lieber sterben als nochmal im Koma zu liegen. Nochmal Magensonde, Katheter, Orientierungslosigkeit. Nein, auf gar keinen Fall.

Ich habe wochenlang Angst, sage aber trotzdem zu. Es ist eine Entscheidung aus Liebe und auch ein bisschen aus Trotz. Jakob und ich flüchten uns vor der Realität und fahren in dieser Zeit zwei Mal ans Meer. Mein Geburtstag kommt und geht und mit jedem Tag überlege ich, wie es so ist, wenn das die letzten Tage meines Lebens sind. Schön sind sie nicht. Meine Beziehung wird zu einem ständigen Kampf, Freundschaften zerbröseln und meine Familie sitzt schweigend neben mir, während ich eine schlimme Panikattacke erleide und nicht mehr atmen kann.

Dann kommt der Tag, an dem ich wieder zurück muss.

Es ist Hochsommer, sehr heiß und ich bin zurück im UKB, aber auf einer anderen Station. Es werden Aufklärungsgespräche geführt, ich habe so viele Fragen und traue mich kaum, diese zu stellen. Der Narkose-Arzt sagt sehr selbstsicher, dass alles gut gehen wird. Das ist nett, meine Panik bleibt jedoch. Und ich weiß, dass ich bei weitem nicht die Einzige bin, die Angst vor dem Ausgang dieser OP hat. Viel Zeit bleibt nicht, nach einer unruhigen Nacht geht es Richtung OP. Die Sache ist scheinbar groß, es sind ausschließlich Oberärzte anwesend, lauter wichtige Personen in Weiß, geschäftiges Treiben in der Vorbereitung und ich im Würgegriff des Narkose-Oberarztes. „Jute Nacht“, sagt er flapsig zu mir und unter dem stöhnenden Gedanken, dass es nicht cool ist, wenn das der letzte Moment meines Lebens war, schlafe ich ein.

Ich wache auf,

Jakob sitzt freudestrahlend am Bett und ich frage ihn, ob ich noch lebe. Seine Augen leuchten und ja, ich lebe noch. Ich weiß nicht, wer von uns beiden sich gerade mehr freut, aber es ist eindeutig der schönste Moment des ganzen Jahres. (Auch wenn ich nicht ganz so fröhlich aussehe)

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Ich bleibe sieben Tage im Krankenhaus, habe das krasseste blaue Auge aller Zeiten, eine Gesichtslähmung und sehe einigermaßen verwüstet aus. Die offene Wunde vom Luftröhrenschnitt wurde nicht versorgt, das macht ein HNO Arzt ohne(!) Betäubung, bevor ich gehen darf. Mit Nadel und Faden und einem Stich näht er das kleine Loch zu, während ich Jakob vor lauter Panik fast die Hand zerquetsche. Au.

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Nach zehn Tagen zieht mir mein Held und Lebensretter Dr. L. die Fäden höchstpersönlich aus dem Kopf. Eine Ehre. Leider bin ich ein sensibles Weichei und klappe dabei ab. Es wird ein Bett rangerollt, der Doktor erklärt, dass er mich gerne nie wieder sehen möchte. Ich ihn auch nicht unbedingt, obwohl er eigentlich cool und ganz eindeutig für seinen Job gemacht ist.

Ich komme ein paar Tage später in eine ambulante Reha, wo ich seitdem mit Sport und neuropsychologischem Training daran arbeite, wieder „ganz die Alte“ zu werden. Dem Luftröhrenschnitt wird im Herbst in einem anderen Krankenhaus noch eine vierte OP gewidmet und zum Jahresende lässt sich sagen, dass ich körperlich ganz gut zusammengeflickt bin. Emotional stehe ich vor dem Scherbenhaufen meines Lebens und weiß (noch) nicht, wie ich aus diesen Scherben etwas Lustiges basteln soll. Wie ich aus diesen Scherben eine Persönlichkeit basteln soll, die gestärkt aus diesem Jahr heraus geht. Ich weiß nicht, wie ich wieder zu der Person werden soll, die sich fein den Wünschen und Belangen anderer anpasst, die nicht zu viel und nicht zu wenig ist, gerne ruhig und zurückhaltend, mit massenkompatiblen Gedankengängen, am besten fernab von schmerzhaften Gedanken und Gefühlen mit denen keiner umgehen kann, außer als mit Plattitüden („Alles wird gut, denk einfach positiv!“) zu antworten.

Nicht alles, was einen nicht umbringt, macht einen stärker. Manches macht dich auch einfach nur kaputt.

Heilung ist ein Prozess und zwar kein linearer. Eher ein riesen Durcheinander. Es gibt gute Tage, aber es gibt auch die Tage, an denen das Trauma stärker ist, als jede positive Einstellung. Diese Tage sind schlimm und werden auch nicht durch fröhliche Gedanken besser. Vieles ist verloren gegangen, allerdings ist auch Gutes irgendwie dazu gekommen. Krank-sein oder ein Ereignis dieser Form macht einen unglaublich einsam. Ich habe noch keine Lösung dafür gefunden.
Bei Krebs weiß jeder: Krebs ist scheiße, da kommt viel Leid und Elend, eine Chemo-Therapie und mit ganz viel Glück wird am Ende alles gut oder die betroffene Person erfährt ihr eigenes Ende. Für Hirnaneurysma-Patienten ist allein die Suche nach einer Selbsthilfegruppe schwierig.

Doch wie erklärt man ein Hirnaneurysma?

Und wie erklärt man es einem gesunden Menschen, wie es ist, aus einem künstlichen Koma aufzuwachen? Wie erklärt man den langen harten Weg zurück in ein Leben, das mit seinem Vorgänger nicht mehr allzu viel gemein hat? Wie erklärt man, dass man sich als Mensch durch so ein Ereignis komplett verändert?

Es ist die Hölle. Aber ich habe nicht vor in dieser Hölle zu bleiben. 

Ich bin durch meine eigene Hölle gegangen, das war mein 2019. Jeden Tag zu kämpfen, verlangt einem viel ab, ich denke nicht nur mir. Daran gibt es nichts zu beschönigen, es ist einfach so. Es ist auch der Hauptgrund dafür, dass ich diesen langen Beitrag so lange nicht geschrieben habe.

Ich weiß nicht, ob ich diesen Blog weiterführen werde. Ich würde lieber schöne Abschnitte aus dem Leben dokumentieren. Ich würde gerne in Worte fassen, was ich für dich empfinde Jakob, selbst wenn du dann nur wieder lachst. Du bist mein Held und ich liebe dich. Ich bin froh, dass ich noch da bin. Und dass sich der tägliche Kampf irgendwann lohnt. Sei der Moment auch noch so klein. Ich würde gerne schreiben, dass es ein hartes Jahr war und ich daran glaube, dass 2020 alles viel besser wird. Aber ich weiß ja nicht was kommt. Solange es kein vergleichbarer Rundumschlag vom Schicksal ist, wäre ich schon ganz zufrieden mit der Zukunft. Und wer weiß, vielleicht dokumentiere ich sie ja, diese Zukunft. Ich habe nämlich eine. Kommt gut ins neue Jahr! ❤

 

 

6 Gedanken zu “Dieser Blog ist tot, aber ich bin es (noch) nicht!

  1. Ich wünsche dir ein sehr gutes, schönes und freudiges neues Jahr. Bewundernswert, dass du so durchgehalten hast. Danke, dass du das geteilt hast, egal ob du den Blog weitermachst oder nicht. Für mich war es wirklich wichtig, das zu lesen. LG Michaela

  2. Ist dir schon mal aufgefallen, dass die Bruchkanten von Scherben immer richtig glatt und deshalb ganz besonders glänzen und glitzern? Ich finde, es keinen Grund wieder „die Alte“ zu werden oder irgendwas toll geistreiche aus dieser schlimmen Geschichte mitzunehmen. Ich kann natürlich niemals wissen, wie das war, aber es liest sich schrecklich. Und das erkenne ich an. Und ich möchte für dich mitweinen deswegen. Und ich finde, du bist im besten Sinne eine krasse Frau! An einen Punkt im Leben zu kommen, an dem man selbiges beenden möchte, ist heftig und grenzwertig (wortwörtlich) und das zu überleben ist die krasseste und stärkste Leistung, die ein Mensch vollbringen kann. Finde ich. Stark. Schön, dass du immer noch und trotz allem da bist. Viel Liebe.

  3. Ich bin sprachlos und gleichzeitig so berührt…
    Man kann nicht in Worte fassen was du 2019 durchgemacht hast und wie furchtbar das alles gewesen sein muss.
    Ich habe dich vor vielen Jahren als das süße, herzliche und Bildschöne Mädchen mit den Pinken langen Haaren kennengelernt, mit der ich viel gelacht und viel gefeiert habe!
    Vicky du bist eine der stärksten Frauen die ich kenne und auch wenn wir beide nicht mehr wirklich Kontakt zueinander haben (was hier auch totale Nebensache ist), möchte ich dir sagen das ich zu dir aufblicke und verdammt stolz auf dich bin! Du bist wundervoll und immernoch genauso bildschön wie du es damals warst! Du bist stark und eine wahre Powerfrau!
    Du bist der Inbegriff des Spruches „hinfallen, Krone richten, aufstehen und weitermachen“
    Ich bin unglaublich stolz auf dich und wünsche dir alles gute! Ich wünsche mir für dich, dass du ein atemberaubendes und unvergessliches 2020 bekommst, denn genau das hast du verdient! Ein Jahr mit viel Liebe, Glück, Zufriedenheit, Gesundheit und vor allem mit ganz ganz vielen Momenten in denen du all den Menschen dein wunderschönes Lachen zeigen kannst, welches mich vor all den Jahren umgehauen hat!

    Ich denke an dich!
    Du schaffst das !

    Deine Reni

  4. Der Beitrag hat mich emotional so berührt. Du hast es wunderbar geschrieben und ich finde, du solltest Jakobs Rat nachgehen und ein Buch schreiben. Ich wünsche dir so sehr, dass du die Kraft findest, all das zu verarbeiten.

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