Spuren, die das Koma hinterlässt.

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In meinem zweiten Leben werde ich heute drei Jahre alt. Falls das jetzt verwirrend klingt: Heute vor drei Jahren wachte ich mit sehr schlimmen Kopfschmerzen auf, kam ins Krankenhaus und verbrachte dort aufgrund einer durch ein ruptiertes Gehirn-Aneurysma hervorgerufenen Gehirnblutung, knapp einen Monat im künstlichen Koma. Das ist die kurze Version der Geschichte. Dürfte ja auch irgendwie klar sein, dass in dieser Erfahrung viel mehr drin steckt – und zwar nicht nur für mich, sondern auch für alle Personen die mich während dieses Lebensabschnitts begleitet haben.

Nun ja. Um es mal mit den Worten meiner Therapeutin auszudrücken, würde ich sagen, dass ich in den vergangenen drei Jahren „wieder gut ins Leben gefunden habe“ (jaja, diese Therapeuten…) Aber die Dame hat Recht. Es gibt Tage, da denke ich kaum noch daran, was passiert ist. Ich fröhne schlechten Gewohnheiten, mache mir Sorgen um so etwas Unwichtiges wie Geld, rege mich manchmal über unnötige Dinge auf oder versinke in Grübelei. Ich lache, ich weine, ich singe und ich tanze, ich suche meinen Platz in der Welt. Ich mache also alles, was der Mensch eben so macht, wenn er lebt.

Ihr kennt das sicher, denn falls ihr das hier lesen könnt habe ich eine super Nachricht: Ihr lebt! Und das ist so ziemlich das Beste was uns allen passieren kann – auch wenn diese Sache mit dem Leben oft nicht so leicht ist. Das kenne ich auch.
Aber auch wenn es nicht immer leicht ist, bin ich in erster Linie froh und glücklich darüber noch da zu sein. Darüber, dass ich so unglaublich viel Glück hatte und dass alles so gut ausgegangen ist – das ist für mich keine Selbstverständlichkeit, denn ich weiß, dass es Koma-Patienten gibt, deren Leben nach dem künstlichen Schlaf ganz anders aussieht.

Dennoch ist das, was passiert ist nicht spurlos an mir vorbei gegangen und ich habe die Zeit der vergangenen drei Jahre gebraucht um zu realisieren, was es dieses ‚Ereignis‘ mit mir gemacht hat.
Erst in den vergangenen Monaten sind mir die Ausmaße, die Spuren, die das Ganze hitnerlassen hat, erst deutlich bewusst geworden. Als ich eine Panikattake in einer U-Bahn bekam. Weil ich große Betonmassen über mir nicht mehr ertrage. Weil ich es nicht mehr aushalten kann, irgendwo ‚eingeschlossen‘ zu sein. Weil mir selbst harmlose Untersuchungen im Kontroll MRT mittlerweile große Probleme bereiten. Und dieses Panikgefühl unter der Erde (ich fahre recht häufig U-Bahn, meide aber mittlerweile jegliche Form von Unterführungen) gehört mit zu meinen größten Sorgen seitdem.

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Manchmal liege ich mitten in der Nacht wach in meinem Bett, starre in die Dunkelheit und denke, dass ich den nächsten Morgen nicht erleben werde. Ein furchtbar beklemmendes Gefühl. Meist will ich dann am Liebsten nicht schlafen. Aber kein Schlaf ist nicht gut für’s Gehirn. Ein Teufelskreis.

Denn wenn ich nicht schlafe, sind die ‚Symptome‘ umso schlimmer.

Zum Glück ist das bisher aber nicht eingetroffen, also bin ich jeden Morgen aus tiefstem Herzen glücklich darüber, dass ich wach, hier und am Leben bin.
Und dann passiert irgendein Mist: Drama bei der Arbeit aufgrund eines falsch-gesetzten Links, eine Steuernachzahlung, die mich um mein ganzes Erspartes bringt oder einfach Menschen, die mich wegen irgendetwas völlig Banalem dumm anmachen.
In fiesen Situationen frage ich mich immer wieder: Und für diesen Scheiß habe ich das überlebt???

Ich leide an verstärkten Selbstzweifeln. Da die Blutung kurz hinter meinem linken Auge war, habe ich seitdem das Gefühl, dass es manchmal irgendwo anders hin wandert und sich unsymmetrisch zum rechten Auge verhält. Besonders auf Fotos fällt mir das immer auf und dann passiert, was eigentlich nicht passieren sollte: Ich fühle mich hässlich. Und wenn ich mal wieder zu wenig geschlafen habe, verschlechtert sich auch meine Fähigkeit des Sehens. Meine Augen sind mir in jeglicher Funktion wichtig und wenn sie nicht machen wozu sie gedacht sind – tja, dann sinkt leider das gute alte Selbstwertgefühl. Tschüssi Selbstbewusstsein!

Und ich leide unter der fehlenden Erinnerung. Alles hört zu dem Zeitpunkt auf, an dem ich das Blaulicht des Rettungsdienstes vor meiner Haustür sah. Mal davon abgesehen, dass ich nicht weiß, wie der Notarztwagen von innen aussah oder welches Muster mein Krankenhauskleidchen hatte, quält es mich fürchterlich, dass ich einen halben Tag lang ansprechbar war und mich an Nichts erinnern kann. Nicht an den Moment, als man mir sagte, was ich habe. Nicht an das Gefühl, wie es war, als mir gesagt wurde, dass ich eine Gehirnblutung habe, die operiert werden muss. Dass etwas schief gehen kann. Ich weiß einfach nicht, wie ich mich dabei gefühlt habe. Und das beschäftigt mich sehr.

Außerdem ist Dunkelheit zu einem Problem geworden. Ich habe keine Angst im Dunkeln, aber mehr denn je wird mir in der Abenddämmerung oder beim Blick an den Nachthimmel bewusst, wie winzig klein wir Menschen sind. Und wie extrem kurz die Zeit unserer Existenz in diesem Universum. Auch da grüßt die Beklemmung.

Das wahrlich gemeinste Gefühl ist jedoch das Schuldgefühl gegenüber meinen lieben Mitmenschen, die mich durch diese Zeit begleitet und in jeglicher Form unterstützt haben. Auch wenn ich weiß, dass mich keine Schuld trifft: Ich hätte nie gewollt, dass irgendjemand wegen mir psychisch völlig fertig ist. Ich weiß nicht wie es ist, wochenlang am Bett eines geliebten Menschen zu sitzen und nicht zu wissen was passiert. Wenn man nicht miteinander reden kann. Keine Reaktion auf Kontakt kommt. Ich weiß nicht wie es ist, jemanden zu sehen, den man eigentlich nur lachend und lebendig kennt und man diese Person plötzlich unbeweglich und voll verkabelt mit allerlei Schläuchen im Körper sieht.

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Es tut sehr weh und vieles lässt sich nicht einfach so abstellen. Aber das künstliche Koma hat auch positive Spuren hinterlassen. Zum Beispiel den Mut gewisse Dinge zu wagen, ganz bewusst Entscheidungen zu treffen. Für mich, für das Leben. Ich habe mich für das Leben entschieden, ich habe gekämpft und gewonnen. Und deswegen mache ich heute, an meinem dritten zweiten Geburtstag das, was man macht: Ich feiere das Leben! Mein Leben. Happy Birthday To Me.

PS: Und weil ich heute ja 3 werde, besuche ich mit meiner Mama das Spreewelten-Bad. Dort kann man mit Pinguinen schwimmen (also die schwimmen in ihrem eigenen Becken) aber ich freu mich mehr auf diesen Ausflug als ein dreijähriges Kind. Hihihihi!

KurzgeschichtenSonntag: Irgendetwas Gutes haben sie mir doch gegeben.

31.10.2016. Es ist Montagmorgen in der Schleuse, ein gelber Quadratmeter ohne Fenster vor der Röhre und auf die Bitte mich metallfrei zu machen habe ich einen legendär unerotischen Striptease hingelegt und mich brav entkleidet. Alles was ich anhatte war sowieso ohne Metall, denn leider weiß ich wie das hier läuft. Also sitze ich halb nackt in diesem Quadratmeter-Räumchen, umwickelt von meinem Handtuch, das ich mitbringen sollte, versteck mich darin, weil mir kalt ist und plötzlich ist alles wieder da.

Erinnerungen, von denen ich mich nur langsam lösen konnte, Gefühle, längst irgendwohin, ganz weit weg geschoben, Verwirrung, Schmerz und die letzten Fragmente verschwommen wirkender Situationen, von denen mir bis heute unklar ist, ob sie Traum oder Realität waren. Plötzlich ist das alles wieder da, stürzt über mir herein und ich bin einfach komplett allein, mit all den Erlebnissen, die nur ich so erfahren habe, wie ich sie erfahren habe. Doofe Gefühle, hätten ja auch mal ganz gepflegt draußen im Wartebereich bleiben können.
Die Schwester steht in der Tür, etwas hilflos versucht sie mir ihre Röhre zu verkaufen; Weich und bequem sei die, und sogar mit einen Durchmesser von 70 cm, nebenan im Krankenhaus haben sie ja nur 60 und überhaupt: So ein zierliches Persönchen wie ich bräuchte da drin doch gar keine Angst haben.

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Ich sehe sie fest an. Also so fest entschlossen wie man als verheultes Häufchen Angst eben jemanden ansehen kann, den man gar nicht kennt.
Nachdem das mit dem Beruhigungsmittelchen geklärt ist, darf ich mich auf der vermeintlich bequemen Liege in der vermeintlich riesigen Röhre betten. Ich bekomme ein Kissen unter die Beine und die Aufforderung eine Faust zu ballen. Ich weiß, dass sie mir jetzt ihre olle Flexüle in die Armbeuge stecken wollen und dass ich am besten genau jetzt gehen sollte.
Doch meine Beine zittern viel zu stark um aufzustehen und wegzurennen und sowieso wollte ich noch den Tapferkeitspreis des Tages abräumen. Flucht also ausgeschlossen. Ich bleibe liegen, erwürge Pauli, meinen tapferen kleinen Begleiter und wundere mich, wie sie überhaupt meine Vene treffen können, so doll wie ich da vor mich hin zapple. Die Schwester versucht mich zu beruhigen, das ist doch alles nicht so schlimm behauptet sie, während die Ärztin da fröhlich mit ihren riesigen Nadeln vor meiner Nase rumhantiert.
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Ich sage ihnen dass ich keinen Bock habe, dass ich es hasse, dass sie zwar nett sind und ihren Job echt gut machen, aber dass ich partout keine Freude bei allem hier empfinde. Und vergesse nicht zu erwähnen, wie sehr ich diese periphere Venenverweilkanüle hasse. Normalerweise kommen Ärzte oder Schwestern an dieser Stelle dann mit dem „Jetzt-haben-Sie-sich-mal-nicht-so-sie-sind-doch-tätowiert“-Argument, doch die beiden sagen nichts dazu.
Sie kommen mir ja gar nicht mit dem „Sie-sind-doch-tätowiert“-Argument stöhne ich, während sich die Nadel in meine linke Armbeuge bohrt. Die Ärztin grinst und sagt „Nö wieso. Das Eine will man, das Andere muss man.“ Damit hat sie sich meine Sympathie gesichert, obwohl sie mir gerade diese doofe Flexüle in den Arm gesteckt hat.

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Das Eine muss man und ich muss jetzt rein, in die verdammte Röhre. Gut verpackt mit Ohropax und Kopfhörern drüber bin ich die ganze Zeit wach und warte darauf, dass das Wegschädel-Medikament wirkt. Ich nehme keine Drogen, aber gegen kleine Trips unter ärztlicher Aufsicht hatte ich noch nie etwas einzuwenden. Legendär meine Nach-der-Narkose-Party nach einer Nieren OP, aber das ist eine andere Geschichte. Ich bekomme alles mit, kann mich nicht wie empfohlen entspannen und doch ist mir mein Zustand angenehm egal. Ich lieg hier einfach bis es vorbei ist. Und irgendwann ist es vorbei. Irgendetwas Gutes haben sie mir also doch gegeben.

2 Jahre. Und die Frage: Darf man sein Koma eigentlich vergessen?

Heute vor zwei Jahren passierte etwas, das mein Leben wohl für immer verändert hat.
Verschwommen ist meine Erinnerung.
Ich wachte nachts auf, mit den schlimmsten Kopfschmerzen meines Lebens.
Mein Freund rief einen Notarzt.
Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich mich übergeben habe, als die zwei Männer kamen oder nicht.
Von Schwangerschaft war die Rede, von Drogen oder schlimmer Migräne.
Ich erinnere mich an den Moment, wie mir einer der beiden die Treppe runterhalf.
Ich weiß weder, was ich mir angezogen habe, noch ob ich überhaupt irgendetwas bei mir hatte. Außer diesen Schmerzen.
Aber selbst an die erinnere ich mich nur noch wage.
Ich erinnere mich an das Blau, in das die Straße vor unserem Haus getaucht war.
Das Licht vom Notarztwagen.
Ich habe bis heute keinen Schimmer, wie es in diesem Gefährt aussah.
Keine Erinnerung daran, wie es sich anfühlt da mitzufahren. Ob ich gesessen habe oder gelegen.
Wie es sich anfühlt mit Sirene und über rote Ampeln zu fahren, durch die Straßen dieser Stadt.
Ich weiß nicht, was im Krankenhaus passierte.
Wie ich mich gefühlt habe, als endlich einer der Ärzte herausfand, dass ich ein geplatztes Hirn-Aneurysma habe.
Ich weiß nicht, ob ich Angst hatte zu sterben. Oder den Mut zu kämpfen.
Ich weiß nicht, ob sie mir gesagt haben, dass es sein kann, dass ich in ein künstliches Koma versetzt werde. Ich weiß nicht wie ich darauf reagiert habe.
Ich war den ganzen Vormittag ansprechbar.

Ich weiß nicht, wie der Schock in den Gesichtern meiner Eltern aussah. Die Sorge im Gesicht meines Freundes.
Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie schlimm sie sich gefühlt haben. Wochenlang.

Ich weiß noch ziemlich genau wie meine komatöse Traumwelt aussah.
Die ich für vollkommen real hielt.
Bis alles verschwamm, irgendwo zwischen Realität und Traum.

Ich war erst wieder komplett bei mir, als ich aus dem Krankenhaus entlassen und in eine Reha-Einrichtung nach Brandenburg verfrachtet wurde.
Und ich ließ mir alles Geschehene erzählen. Wieder und wieder und immerwieder.
Unfähig, das was ich geträumt habe mit der Realität in Einklang zu bringen.
Ich las mir die Briefe durch, die mir mein Freund schrieb. Tag für Tag.
Und bis heute kann ich es nicht, ohne zu heulen.

Und bis heute begreife ich selbst nicht, was da eigentlich passiert ist.
Was es aus mir gemacht hat.
Was es noch immer aus mir macht.
2 Jahre.

Manchmal vergesse ich mein Koma.

Wie soll man sich auch an etwas erinnern, was man gar nicht (bewusst) erlebt hat?
Zu surreal das Ganze.
Ich hätte tot sein können.
Zu surreal die Vorstellung.
Genau wie die, dass ich das überstanden habe.
Dass ich immer noch Da bin…
Aber wer weiß – vielleicht träume ich das ja auch alles nur…

Manchmal vergesse ich mein Koma.

Das ist gut, das bedeutet zurück im Leben zu sein, sagt meine Therapeutin.
Nur, was mach ich jetzt mit meinem Leben?

Und was mache ich, wenn Nachts die Angst zu mir ins Bett kriecht?
Wenn ich da im Dunkeln liege und daran denke, dass es hier passiert ist, in meinem Schlafzimmer, genau in diesem Raum.
Und es völlig egal ist, in welchem Raum ich mich befinde, der Raum ist nicht das Problem – mein Gehirn ist das Problem. Ich kann nicht flüchten, vor meinen drei Hirn-Aneurysmata.

Nur, wie lebt man so ein Leben?

Ganz einfach: Man lebt es.
Mit allen Ängsten, allen Freuden. Mit Schmerz und Liebe. Mit Fragen, mit Erinnerungen, mit Vergessen.

Darf ich mein Koma eigentlich vergessen?
Ich weiß es nicht.

Nur, was mach ich jetzt mit meinem Leben?
Ich feiere es.
Ich feiere heute meinen zweiten Geburtstag.

Ich, die Zeitbombe

Ahoi! Heute mal etwas aus der Sparte ‚Ganz besondere Gefühlsduselei‘. Aber zur Zeit leide ich viel zu viel an Kopfschmerzen und mal ganz ehrlich: Wie soll der (Vickie-)Mensch sich schon fühlen, wenn er weiß, dass da etwas in oder an seinem Gehirn ist, was echt gefährlich werden kann? Also los:

Tick Tack, Tick Tack.
Die Uhr, die tickt viel zu laut.
Dieses Miststück.
Denn mit jedem Tick erzählt sie,
dass eine weitere Sekunde vorüber ist.
Eine weitere Sekunde meines Lebens.
Eine weitere Sekunde, die nie wieder kommen wird.
Schluss, Aus, Vorbei. Aus die Maus.
Tick, Tick, Tack. Hinein in diese Leere.

Gut verpackt in einer Wolldecke,
liege ich auf dem Fischgrat-Parkettboden der Räume,
die ich so gern mein nennen möchte.
Solange ich noch da bin.
Hier. Mit dir. Und dir.
Lausche dem nicht endenden Tick Tack.
Und versuche zu verstehen,
warum der Mensch es nicht schafft.
Sie zurückzuholen.
Die ganzen Sekunden, diese ganze Zeit.

Das Lied von The Hives.
Tick, Tick, Tick, Boom heißt es da.
Und so in etwa fühle ich mich.
Ich, die Zeitbombe.
Tick, Tick, Tick, Boom!
Als wollen mir die Aneurysmata den Kopf zerfetzen.
Wenn sie mal keine Lust mehr haben
dieses Spiel mit zu spielen.
Das Spiel des Lebens.

Du kannst nie wissen wann es vorbei ist,
höre ich dich sagen.
Deine Worte schwirren durch meinen Kopf.
Ein Echo der Erinnerung.

Tick Tack, Tick Tack.
Die Uhr, die tickt viel zu laut.
Tick, Tick, Tick, Boom!
Die Frage ist, wann ich hochgehe…

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Lyrica und Growing-Up Babyhair

Mein Neurologe ist eine coole Sau, ich erwähnte es bereits im vorangegangenen Beitrag. Er ist nicht nur Neurologe, er ist auch Psychologe und Forscher und ein sehr anerkannter Arzt. Und ein Charmeur!
Er sagt nicht nur kluge, sondern auch sehr nette Sachen und zwar immer authentisch. Ganz ohne dass es sich nach Schleimerei anhört sagt er genau das, was ich gerne hören möchte beziehungsweise habe ich durch ihn erfahren, dass es Dinge gibt, die ich mir gerne anhöre, schließlich bin ich äußerst schüchtern wenn es um das Entgegennehmen von Komplimenten geht! Er sagt so tolle Dinge wie „Ich bin mir sicher, dass aus Ihnen mal eine gute Journalistin wird“ oder „Keine Sorge, Sie sind völlig Okay so wie Sie sind“ oder „Es ist okay, auch mal ganz, ganz viel Geld für ein Kleid auszugeben“. Hach, Danke Herr Doktor!
Aber bevor hier noch jemand auf den abwegigen Gedanken kommt, ich würde romantische Gefühle für meinen Neurologen hegen, wollte ich nur mal anmerken, dass er eben ein toller Arzt ist. Bei meinem letzten Besuch hat er mir sogar ein Schmerztagebuch geschenkt (yeah, endlich mal Geschenke!), in welches ich alle meine romantischen Gedanken über meine Schmerzen notieren kann. Dazu kümmert er sich jetzt um eine Änderung meiner Medikation. Eine für mich wichtige und auch spannende Sache, denn dieser neuropathische Schmerz in meinem Fuß begleitet mich nun schon seit April und ist der fieseste Schmerz, der mir je begegnet ist. Stelle dir einfach mal vor dein Fuß ist eingeschlafen. Und seit April nicht mehr aufgewacht. Und dieses Eingeschlafener-Fuß-Gefühl 10x schlimmer als es normalerweise ist. Nur, dass es nicht weg geht, sondern dich auf Schritt und Tritt (Welch Wortwitz bei der Beschreibung eines Schmerzes im Fuß!) begleitet. Bei mir ist es ein dauerhaftes Kribbeln, ein Brennen, ein schmerzhaftes Stechen. Es tut verdammt noch mal weh! Und ich bin eigentlich keine Jammertante, aber wenn man über eine so lange Zeit starke Schmerzen hat, geht das irgendwann doch sehr an die eigene Substanz. Der Schmerz frisst dich irgendwann auf.
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Also lege ich meine ganze Hoffnung natürlich ins neue Medikament, Lyrica. Ist ja auch eine spannende Sache so ein neues Medikament, wäre ich nur nicht immer so blöde, mich über Nebenwirkungen zu informieren. Ich lese eben gerne, das gilt auch für Beipackzettel. Aber wenn dann die Rede von Nierenversagen, Krampfanfällen und eventuell auftretendem Koma oder Suizidgedanken ist, überlege ich immer noch dreimal ob ich meine neuropathischen Schmerzen nicht doch irgendwie aushalten kann. Nein kann und will ich nicht (mehr). Also bin ich gespannt ob und wie es wirken wird und wundere mich in der Zeit einfach, dass ich auf „jedem“ Blog ein Review zu Drogeriemarkt Produkten lesen kann, aber nirgendwo jemand was darüber schreibt was mit mir passiert wenn ich jetzt Lyrica nehme. Unverschämtheit! Also bleibt mir nur eins: Versuchskaninchen mit mir selber spielen, vielleicht schreibe ich dann ja mal ein Lyrica-Review.

Was Lyrica jetzt mit meinen Baby-Haaren zutun hat? Nichts. Aber nachdem ich beim Neurologen war, habe ich Abends meine dunklen Haar-Ansätze nachgefärbt und mich über meine doch ziemlich lang gewordenen Baby-Haare gefreut. Etwas über zehn Zentimeter sind sie schon lang, wobei ich die am Pony mittlerweile auch wieder rosa nachgefärbt habe, denn rosa-braune Haarsträhnen in the Mix in einem Pony sahen etwas merkwürdig aus.
Ich weiß nicht mehr so ganz wann es war, aber irgendwann nach dem künstlichen Koma merkte ich, dass da oben an meinem Kopf etwas fehlte. Dunkel kann ich mich daran erinnern, wie ich mir mit den Fingern über die Stelle fuhr, an der mir die Haare abrasiert wurden. Sie waren so ganz minikurz und ich machte erstmal irgendeinen bösen Witz darüber, ob da jemand nicht fähig war, mir den Kopf richtig zu rasieren. Zum Glück nicht, der Schock wäre dann wahrscheinlich doch zu groß gewesen. Und ich hoffe, dass sich alle Ärzte, Schwestern und Pfleger immer etwas an meiner Haarfarbe erfreuen konnten. So im schnöden Krankenhausalltag.
Bildschirmfoto 2014-11-10 um 23.35.48Ich bin mir bewusst, dass das ein sehr intimes als auch für den ein oder anderen schockierendes Bild ist, aber ich möchte es trotzdem gerne zeigen. Direkt bis zur Mitte der Stirn wurde schnipp schnapp mein Haaransatz wegrasiert, damit man mir hübsch den Kopf aufschneiden konnte. Aber wie schon erwähnt, die Haare sind fleißig nachgewachsen und hätte man mir den ganzen Kopf rasiert, würde ich jetzt schon eine sexy Kurzhaarfrisur tragen.
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Ein paar „Koma-Gedenk-Haare“ habe ich also behalten und guck ihnen nun beim wachsen zu. Zudem habe ich nach über zehn Jahren zum ersten Mal wieder einen Eindruck von meiner Naturhaarfarbe bekommen, die ja – Überraschung- gar nicht so hässlich ist und in mir die Überlegung weckt, wie es wohl mit meiner dunkelbraunen Naturmatte so wäre. Bestimmt gar nicht so übel. Rosa vs. Braun, was meint ihr?
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Tausend Gedanken, aber kein Text.

Sonntagnacht. Vom Neunten auf den Zehnten Februar.
9 Monate später. Sonntagnacht. Vom Neunten auf den Zehnten November.

Ich beschließe heute nicht zu schlafen.
Und ignoriere das leichte Stechen über meiner rechten Schläfe; ich versuche zu vergessen, dass da noch was ist.
Noch so ein Aneurysma.
Genau genommen ja zwei.
Aneurysmata.
Mein Neurologe sagt das gern, ich glaube er findet das Wort schön.
Ich eher weniger.
Dafür finde ich meinen Neurologen schön. Der sagt immer so kluge Sachen.
Aber gut, so lange die beiden da oben keinen Ärger machen, kann ich mich mit vielleicht ihnen anfreunden.
Und mit dem Gedanken so etwas wie eine tickende Zeitbombe zu sein. Tick, Tick.
So in der Art. Niemand von uns wird jemals wissen wann es soweit ist.
Und bis dahin sollten du und ich jeden einzelnen Tag in seiner absoluten Vollkommenheit und mit voller Freude leben.
Vielleicht ist das die Lehre aus all dem.

Ich glaube ich bin gerade in einer schwierigen Phase. Mein Kopf ist voll, voll mit lauter wirren Gedanken: Leben. Sterben. Sinnlosigkeit des Seins. Angst. Konsum. Verschwendung. Nachhaltigkeit. Gegenpole. Geld. Leid. Erde. Welt entdecken. Weltall. Sinnlosigkeit des Seins. Verloren sein. Hedonismus? Selbstfindung. Sehnsucht. Mitmenschen. Planänderungen. Ewigkeiten und Endlichkeiten.
Ich denke so viel, dass ich mich frage ob mein Gehirn an einer Art Überaktivität leidet. Ob es so was gibt? Passiert das in anderen Gehirnen auch, so ein Gedankengemetzel? Ich will es doch hoffen! So langsam verstehe ich die Neurologen, die Gehirnforscher; ist schon spannend so ein Gehirn. Ich frage mich oft, wie es sich mit einem anderen Gehirn lebt. Wie es wäre, die Gedanken und Empfindungen anderer zu spüren, den Blick auf die Welt aus einer völlig neuen Sicht zu erfahren. Und manchmal frage ich mich, wie es wäre nicht zu denken und stattdessen einfach nur zu machen. Vielleicht lese ich momentan zu viel, vielleicht habe ich zu viel Zeit – aber ich bin verwundert über was alles ich mir mittlerweile den Kopf zerbreche. Gibt es eigentlich Selbsthilfegruppen für Intensiv-Grübeler? Und über was denkt man dort nach?

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Ich hab mich immer an etwas anderem sterben sehen, jedenfalls nicht an einer neurologischen Erkrankung. Aber Moment, ich lebe ja noch! Aber trotzdem fühle ich mich nicht unbesiegbar, nicht unsterblich. Nö. Obwohl ich vielleicht das Recht dazu hätte. Superhelden-Vickie. Kann mir bitte jemand einen rosa Umhang nähen? Eher mache ich mir Gedanken, was es zu bedeuten hat, dass ich noch da bin. Habe ich jetzt eine wichtige Aufgabe zu erfüllen? Eine Mission? Wenn ja, Welche?

Sonntagnacht. Vom Neunten auf den Zehnten Februar.
9 Monate später. Sonntagnacht. Vom Neunten auf den Zehnten November.
In neun Monaten kann ein völlig neues Leben entstehen, ein weiterer Mensch auf dieser Welt.
In neun Monaten kann ein völlig neues Leben entstehen, auch für mich.

Meen Mieser Montag

kranksein-headerMontag. Ich bin seit Fünf Uhr wach und quäle mich. Mein Körper quält mich. Oder mein Körper quält sich? Wie auch immer, ich bin wach und huste mir fast die Lungenflügel aus dem Leibe. Hatte ich in meinem letzten Post etwas von Herbst geschrieben? Den beginne ich nun also mit einer fiesen Bronchialerkrankung und selbstgemachtem Zwiebelhustensaft. Als wäre ich zu gesund, jaja natürlich. Es hustet sich auch äußerst beruhigend wenn man weiß, dass sich davon auch Aneurysmen öffnen können…Zeit also um in wochenendlichen Erinnerungen zu schwelgen und mich ans Meer zurück zu träumen, während ich bei schönstem Spätsommerwetter im Bett rumliege und mein Leid in Pfefferminztee ertränke…

beachy-meAm Meer ist es ja generell schön aber zu meinen Lieblings-Meeres-Orten gehört definitiv die Schaabe auf Rügen. Die Schaabe ist ein Strandstreifen zwischen den Halbinseln Jasmund und Wittow und ich verstehe nicht, wieso ein so wunderbarer Ort einen so doofen Namen tragen muss. Im Sommer ist das Wasser hier fast türkisfarben, der feine Sand ganz weiß und im Gegensatz zu den dichter besiedelten Touristenorten auf Rügen kann man hier mit etwas Glück ganz allein sein; mit der Weite der See, den kreischenden Möwen und dem sich im Winde wiegenden Strandhafer, der auf den Dünen wächst. Es gibt kaum einen Ort an dem ich lieber bin als hier. Auch wenn ich am Wochenende nach über einem Jahr mit einer Narbe am Kopf und einem gelähmten Fuß zurück kam und mich die Schaabe mit tosenden Wellen und einem Wind empfangen hat, der mich fast davon wehen wollte – Hier bin ich, hier kann ich sein.
(Und vor allem war ich wahnsinnig stolz, dass ich Barfuß den Strand entlang gewankt bin, wer hätte das in den vergangenen Monaten gedacht?)
meer-vickieEs ist beeindruckend wie am Meer so Wenig so Viel sein kann. Eigentlich ist es „nur“ Himmel, Wasser und Sand – aber in Wahrheit ist es Elementar, es ist die Vergangenheit, die Zukunft und das Leben. Am Meer zählen andere Werte. Am Meer ist es egal ob du geschminkt bist oder nicht, ob die Frisur sitzt, es ist völlig gleichgültig ob man etwas teures besitzt oder eben nicht. Das Meer wühlt auf, es hebt und senkt die Stimmung, das Meer beruhigt, es gibt dir ein Zuhause, auch wenn du dich völlig verloren fühlst und es zeigt dir die Unendlichkeit. Aber auch die Endlichkeit. Egal wo auf der Welt: Das Meer kann dir den Weg zu dir selbst zeigen.
meerchen-vickie

meer-mix

Ich liebe Rügen, hier gibt es so viel was ich immer wieder sehen oder machen möchte und noch so einiges was ich auf dieser Insel noch machen will.
Ich komme wieder, versprochen.