Erosion der Menschlichkeit: Im Interview mit Esra

Liebe Freunde der Glückseligkeit, heute ist Sonntag und weil Sonntage schön sind und sein sollten, folgt heute ein locker leichter und mein so ziemlich erster (und vielleicht auch einziger) Sonntagspost.

Falls ihr genauso viel im Internet lebt wie ich, habt ihr vielleicht mitbekommen, dass Podcasten dieses Jahr das neue Über-Trend-Ding ist. Gefühlt jeder hat plötzlich einen Kanal, auf dem fleißig was über Gott und die Modewelt erzählt wird. Ist ja auch ganz cool, allerdings hält sich mein Drang diesem Trend zu folgen so enorm zurück (bzw. ist gar nicht existent haha), dass ich mich auf einen alten Klassiker zurück besonnen habe: Das Interview. Denn Lesen fetzt und macht obendrein noch schlau.

Und wer könnte da ein besseres Opfer sein, als die besten Freunde? Die Leute, mit denen man zwar häufig quatscht, quasi Real-Life-Podcastet und mit denen man trotzdem mal auf einer anderen Ebene kommunizieren möchte? Was Andere ohne ihr Gesicht zu zeigen also in einem Podcast bereden, gibt es an dieser Stelle kurz und bündig als Mini-Interview und zwar in 10 Fragen an, Folge 1: Esra.


Esra habe ich vor ein paar Jahren im Winter auf der Fashion Week kennen gelernt, ich war einsam (wie immer dort hehe) und hab‘ sie einfach angequatscht. Fremde Menschen spreche ich äußerst selten an, du hast also Glück gehabt Liebes. Unsere Lovestory ging weiter, indem sie mich in der folgenden Fashion Week besucht und bei mir gewohnt hat und wir uns durch viele viele gute Gespräche näher und näher gekommen sind. Esra ist durch und durch Modebloggerin, manchmal kriege ich die Krise mit ihrem Klamotten-Foto-Immer-in-Aktion-Wahn, meistens bin ich aber einfach nur unglaublich beeindruckt: Von ihrem Durchhaltevermögen, ihrer unermüdlichen Power und ihrem Hang zur Perfektion. Im Gegensatz zu ihr bin ich wahrlich Fräulein Flodder, die immer alles nur so halb und lieber larifari macht und sich nicht mal annährend vorstellen kann, irgendwas so perfekt zu machen wie sie. Weil sie aber meine Freundin ist, bewundere ich das sehr. Neid kenne ich ihr gegenüber nicht, wir versuchen es eher mit Augenhöhe und Ehrlichkeit. Weil letzeres ja einen hohen Stellenwert hat, gestehe ich ganz ehrlich, dass ich einmal doch neidisch war und zwar in dem Moment, als sie mir erzählte im Rahmen einer Kooperation für einen Blogpost 500€ zu bekommen. (Keine Sorge Leute, ich weiß um die Preisrealität auf diesem Markt, da gibt es noch ganz andere Summen!) Jedenfalls war ich in dem Moment wirklich neidisch, denn obwohl ich Modejournalismus studiert habe, hat mir noch nie jemand 500€ für einen Artikel -weder Print, noch Online- bezahlt. Aber das ist völlig okay, denn ich bin eben mehr Larifari und Esra ist Perfektionistin. Wer so hart arbeitet, sollte auch entsprechend entlohnt werden und auf andere Menschen wegen Geld neidisch zu sein, hat im Leben eh nichts zu suchen, merkt euch das! So und bevor dies nun in einem Roman über meine romantischen Gefühle zu der Frau ausartet, die definitiv mehr kann, als in hübschen Outfits irgendwo rumzustehen, folgen hier die 10 Fragen, die ich ihr vorher noch nie gestellt habe & Antworten, die mir Esra gegeben hat, als sie mich neulich wieder in Berlin besucht hat.

1. Standardkram: Wie bist Du zum Bloggen gekommen?
Esra: In meinem Freundeskreis hat sich niemand für Mode interessiert, also habe ich 2009 den ersten Gedanken gehabt, etwas online zu stellen , um mein Interesse für Mode mit jemandem zu teilen. Ein Jahr später habe ich den Blog gestartet und es hat mein Leben richtig krass verändert!

2. Was ist für dich das Schönste, was das Schlimmste am Bloggen?
Esra: Das schönste am Bloggen sind definitiv die Menschen, die man kennenlernt und der Lernprozess. Ich durfte wahnsinnig viel lernen, von Kameraausrüstung über Bildbearbeitung bis hin zu Selbst- und Fremdvermarktung und Psychologie des Marktes. Das Schlimmste am Bloggen ist der Konkurrenzkampf und daraus resultierende Erosion der Menschlichkeit und das Unterstützen der gängigen Marktmechanismen und Ausbeutung.

3. Was machst du, wenn der ganze Blogger/Influencer Kram abflaut?
Esra: Keine Ahnung! Aber egal, was ich mache – ich möchte es schaffen, immer positiv und loyal zu bleiben.

4. Beim Bloggen geht es ja sehr viel um Selbstdarstellung. Wie ist es für dich, dich ständig selbst zu präsentieren?
Esra: Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und fühle mich meist sehr wohl damit. Natürlich hat es auch Nachteile – durch die ständige Beschäftigung mit den eigenen Abbildungen entwickelt man eine verschärft kritische Selbstwahrnehmung. Aber auch da ist Abgrenzung und Bodenständigkeit nötig und möglich.

5. Wer war der Held deiner Kindheit?
Esra: Ich glaube, ich hatte sowas nicht, zumindest nicht im klassischen Sinne. Ich glaube, mein Held war mein Vater.

6. Welchen Rat würdest du mir für’s Leben geben?
Esra: Beim Überlegen einer Antwort auf diese Frage schwirren mir Tausend und gleichzeitig keine Antwort im Kopf herum. Vielleicht, immer wieder auszuloten, wo die goldene Mitte sich befindet, ohne unverbindlich zu werden?
Anmerkung von mir: Ich hab ja eher Angst davor, verbindlich zu werden…


7. Hast du einen Lieblingsdesigner/Label? Wenn ja, warum?
Esra: Ich finde Gucci und Vetements momentan sehr spannend – wohl wie der Rest der Mode-Branche das gerade auch findet. Beide entdeckten in unserer Zeit einen jeweils ganz anderen Weg, zu provozieren – was heutzutage eben schon fast unmöglich schien. Ob man mit der ästhetischen und sinngemäßen Taktik der beiden konform ist – ist eine andere Frage, aber objektiv gesehen sind diese beiden Labels einfach spannend und irgendwo mutig. Ich persönlich liebe die Modedesignerin Rosie Assoulin sehr, ich finde, sie ist die Meisterin der Schnitte! Leider absolut unbezahlbar (zumindest für die größte Bevölkerungsschicht), aber schauen kostet nichts 🙂 Übrigens kann ich The Row nicht ausstehen – unverständlich teuer und diese übertriebene elitäre Arroganz wirkt aufgesetzt und fehl am Platz.
Anmerkung von mir: The Row ist das Klamottenlabel von den Olsen-Zwillingen, die hätten vllt. wirklich lieber bei ihrer Schauspielerei bleiben sollen. Früher sahen die total heiß aus, mittlerweile bin ich mir da nicht mehr soo sicher…

8. Was war deine größte Modesünde/ dein schlimmster Look?
Esra: Ich kann mich erinnern, in der 8. Klasse eine smaragdgrüne gerade geschnittene Jeans und einen Rollkragenpulli dazu getragen zu haben, das würde heute unter Umständen an einer Nike Jane oder Maria Bernad vielleicht gut aussehen, war aber damals absolut uncool und spießig, fernab jeder Provokation! Außerdem gab es da eine weite lila Schlaghose, die eine wilde Mischung aus Rave und Hippie darstellte und zu der ich eine ebenfalls lila Samttasche trug (ich liebte diese Tasche!) – soll ich noch mehr sagen? …
Anmerkung von mir: Eigentlich schon, schließlich will ich von all deinen Sünden wissen. Meine war übrigens ähnlich gelagert: Eine knallrote Schlaghose und dazu ein knallrotes Top mit Dreiviertel-Ärmeln. Ich sah wahrscheinlich aus wie ein leuchtendes Ampelmännchen. 😀

9. Was glaubst du, welchen Style du als alte Lady haben wirst?
Esra: Ich hoffe natürlich, dass ich nie „nach Oma“ aussehen werde – aber auch nicht krampfhaft junggeblieben. Ich werde immer Klamotten tragen, die sich gut anfühlen und komfortabel sind, aber mich auch immer über Trends informieren und diese gerne und neugierigerweise testen.
Esra, einen Tag später, schickt mir dieses Foto:

10. Welche Frage sollte man dir mal unbedingt in einem Interview stellen?
Esra: „Welche Frage sollte man dir mal unbedingt in einem Interview stellen?“ Hihi 🙂
Anmerkung von mir: Ok. Erledigt.

Übrigens:
Esra hat mich natürlich ebenfalls interviewt, was für ein Spaß! Was sie von mir wissen wollte und was ich geantwortet habe, könnt ihr heute hier, auf ihrem Blog nachlesen!

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