Künstliches Koma

Das Jahr 2014 hat mein Leben verändert. Ich hatte viel vor; endlich wollte ich den Kontinent verlassen und New York erkunden, danach meinen Uni-Abschluss machen. Doch ein 7mm großes Aneurysma hinter dem linken Auge vereitelte all meine kleinen und großen Pläne.

Was passiert ist
In der Nacht vom 9. zum 10. Februar wachte ich mit den schlimmsten Kopfschmerzen meines Lebens auf und bat deshalb meinen Freund einen Notarzt zu rufen. Zwei Rettungssanitäter kamen, nahmen mich mit und als ich wieder aufwachte war es plötzlich Ende März. Ich lag aufgrund eines geplatzten Hirn-Aneurysmas (hier ein bisschen Neurologie für Anfänger) knapp einen Monat im künstlichen Koma.
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Im Koma
„Ich denke, also bin ich“ (R. Descartes)

Es ist komisch und in meinen Augen schwer vorstellbar nicht bei Bewusstsein zu sein. Manchmal fühlt es sich für mich so an, als wäre ich Hauptakteur eines Szenarios gewesen, von dem ich überhaupt nichts mitbekommen habe. Menschen die mich gar nicht kennen haben um mein Leben gekämpft und alles getan um mich bestmöglich zu versorgen, meine Lieblingsmenschen waren furchtbar traurig und ich habe von all dem einfach nichts mitbekommen. Denn vor allem letzteres hätte ich niemals zugelassen, es tut mir sehr weh wenn jemand wegen mir traurig ist, das wollte ich nie. Doch ich war nicht bei Bewusstsein. Es kann aber auch sein, dass mir durch die Medikamente einfach nur die Erinnerung fehlt. Während ich im künstlichen Koma lag, habe ich mehr Drogen bekommen als so mancher Berghain-Besucher. Ganz für umsonst und völlig gegen meine Anti-Drogen-Haltung bekam ich Liquide Extasy, Ketamine, Opium, einfach alle möglichen Schmerz-und Schlafmittel, soviel, dass ich danach erstmal einen Entzug machen musste, als die „Medikamente“ wieder runter gefahren wurden.

Aufwachen
Das künstliche Koma war eine schwere Zeit, denn niemand wusste ob ich es schaffe, niemand wusste was mit mir sein würde wenn ich aus dem Koma aufwache. Es hätte einfach alles sein können. Irgendwann fing mein Gehirn an mit mir in verrückte Traumwelten zu reisen. Der erste Traum an den ich mich erinnere, ist so etwas wie das Aufsteigen von einer Unterwasserstation an die Oberfläche. Viele weitere wirre Träume folgten, doch ich hielt die Welt in der ich unterwegs war für völlig normal, habe diese „Realität“ überhaupt nicht hinterfragt.
Ich glaube die Aufwachphase ist eine erlebnisintensive Zeit. Vieles was in dieser Zeit in der Realität um mich herum passiert ist, habe ich in meine Träume eingebunden und bis heute verwirrt es mich, dass ich nicht so genau weiß, wann ich was geträumt habe und wann ich wach war.

Das Leben danach
Viel ist passiert. Zuerst einmal: Ich lebe noch, was für ein Glück! Und ich lebe immer noch mit der gleichen fröhlichen, lebensbejahenden Einstellung wie vorher. Das Leben ist schön, schade, dass es so viele Menschen gibt, die das nicht zu schätzen wissen oder ihre Lebenszeit nicht richtig ausnutzen. Aber gut, mein Blog, also Ich (ein bisschen Egoismus muss auch mal sein) – Direkt aus dem Krankenhaus wurde ich nach Brandenburg in eine Reha-Klinik eingeliefert. Das war furchtbar. Ich wohnte in einem sehr hässlichen Zimmer und wollte einfach nur nach Hause. In meinem Hals klaffte ein Loch, mit dem ich anfangs nicht zurecht kam; wegen dem ich anfänglich nur Flüssignahrung bzw. Püriertes essen durfte. Pürierte Nudeln sind nicht lecker. In der Koma-Zeit habe ich sehr sehr viel Gewicht verloren, sämtliche meiner Lieblingsklamotten passten mir nicht mehr und ich gruselte mich vor mir selbst, weil sämtliche meiner Knochen sichtbar waren. Und sowas tut weh, ich konnte nicht sitzen, ich konnte nicht liegen, es waren immer irgendwo Knochen, die drückten. Wenn ich daran denke, dass die Waage irgendwann nur noch 38,5 kilo anzeigte, bin ich heute noch schockiert. Sowas ist einfach nicht lustig, geschweige dennoch schön – ich verabscheue diese Welt mit ihrem Magerwahn. Und zunächst fiel mir das Essen äußerst schwer: mein Magen war überhaupt nicht bereit „größere“ Portionen zu essen und meine Geschmacksnerven völlig gestört. Irgendwann gab es eine Phase, da schmeckte alles salzig, sogar Schokolade. Igitt. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis sich mein Essverhalten wieder normalisierte und zur Zeit arbeite ich fleißig daran, mir die fehlenden Kilos mit reichlich ungesundem Zeug wieder anzufuttern.
Doch neben dem Gewichtsverlust gibt es noch einige andere Sachen: mysteriöser Muskelschwund, generell fehlende körperliche Kraft und ein gelähmter Fuß. Es gibt viele Dinge an denen ich noch arbeite, um wieder fit zu werden. Vom Krankenhausbett ging es in den Rollstuhl, vom Rollstuhl zurück auf meine eigenen Beine. Ein langer Weg, doch es wird jeden Tag ein bisschen besser. Die heißen Sommertage verbrachte ich dann in einer ambulanten Reha hier in Berlin und turnte dank meines schreienden Drill-Instructors unbeholfen und schwitzend auf einem Laufband rum, während alle anderen am Badesee rumlagen. Doch er und all die anderen Reha-Menschen haben mir sehr geholfen und dafür bin ich sehr Dankbar. Ich musste meinen Körper ganz neu kennen lernen und meine größte Schwäche überwinden, meine Ungeduld. Ich lerne gerade ruhig zu bleiben und Geduldig zu sein, denn bis alles wieder „gut“ ist, wird es noch ein bisschen dauern. Auch muss ich lernen all meine Ängste oder ängstlichen Gedanken zu überwinden (denn ich habe noch zwei weitere Aneurysmata) oder zumindest mit ihnen zurecht zu kommen. Doch auch wenn die Zeit nach dem künstlichen Koma manchmal alles andere als leicht ist, bin froh über alles was ich dazu gelernt habe, viele Menschen und viele Schicksale, denen ich begegnet bin. Und dabei kam mir häufig der Gedanke, dass es mir ( abgesehen von den fiesen Schmerzen, die ich habe) wirklich gut geht und ich wahnsinniges Glück habe.

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Bildschirmfoto 2016-05-23 um 16.41.28Eine Liebeserklärung an meinen Körper
Mein lieber Körper! Ich bin sehr froh, unendlich dankbar und wirklich sehr stolz auf dich, dass du all diese Strapazen durchgestanden hast! Vom aufgeschnittenen Kopf, über die ganzen Schläuche bis hin zur von den Medikamenten stark belasteten Leber und mehreren Wochen ohne Essen – du bist großartig!

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